Brief an UN-Frauen

Konsultation zur Ermittlung von Standpunkten zum Vorgehen von UN-Frauen in Bezug auf „Sexarbeit“, Sexhandel und Prostitution.

Dr. Ingeborg Kraus

„Wissenschaftler für eine Welt ohne Prostitution“[1] ist eine Gruppe von Gesundheits-ExpertInnen (im Fachgebiet Medizin, Psychologie und Psychotraumatologie) mit Sitz in Karlsruhe. Sie bietet Frauen in der Prostitution therapeutische und medizinische Unterstützung an. Diese Gruppe ist aus einem Appell[2] heraus entstanden, der besagt, dass Prostitution entmenschlicht, herabwürdigt und die universalen Rechte eines Menschen verletzt, ja dass Prostitution selbst Gewalt ist und eine Fortsetzung von Gewalt im Leben einer Frauen darstellt. In anderen Worten: „Es gibt keine gute Prostitution“.

Unsere Gruppe fordert ebenso ein Gesetz, das Männer in die Verantwortung nimmt und auf die gesetzliche Einführung eines Sexkaufverbotes besteht. Denn wir sind müde, zum zusammenflicken der Frauen gebraucht zu werden, während die Politik Männer dazu anstiftet „Frauen kaputt zu machen“. Dieser Appell wurde von den bekanntesten und einflussreichsten Traumatherapeutinnen und Experten aus Deutschland unterzeichnet. Wir wollen über die Realitäten in der Prostitution und ihrer Gesundheitsschäden informieren, über die verheerenden Auswirkungen eines Gesetzes, das Prostitution legalisiert, aufklären, die Stimmen der Gesundheitsexperten, die in direktem Kontakt mit den Opfern der Prostitution stehen, zu Wort kommen lassen. Wir wollen unsere klinischen Erfahrungen sowie Texte und wissenschaftliche Studien über Prostitution bekannt machen.

1) Die Agenda 2030 verpflichtet sich zu Allgemeingültigkeit, Menschenrechten und dazu niemanden zurück zu lassen. Wie interpretieren sie diese Prinzipien in Bezug auf „Sexarbeit/ Handel“ oder Prostitution?

Aus der Perspektive der Psychotraumatologie ist Prostitution kein Job wie jeder andere. Michaela Huber, Vorsitzende der Deutsche Gesellschaft für Trauma und Dissoziation (DGTD)[3] sagt folgendes dazu: „Um fremden Menschen die Penetration des eigenen Körpers zu ermöglichen, ist ein Abschalten natürlicher Phänomene erforderlich, die sonst unweigerlich wären: Angst, Scham, Fremdheit, Ekel, Verachtung, Selbstverurteilung, Schmerzen. An die Stelle tritt Gleichgültigkeit, Verhandeln, ein sachliches Verständnis der Penetrationserfahrungen, Umdefinieren der Handlung in eine Arbeit oder Dienstleistung. Die meisten Frauen in der Prostitution haben bereits sehr früh durch sexuelle Gewalt in der Kindheit gelernt, sich abzuschalten“.[4] Fakt ist, dass viele Studien zu diesem Thema einen Zusammenhang zwischen dem Eintritt in die Prostitution und Gewalterfahrungen in der Kindheit[5] feststellen.

Das System Prostitution benutzt diese Traumatisierungen für ihre eigenen Interessen und Profite. Unter keinen Umständen kann Prostitution als Arbeit oder als eine Dienstleistung definiert werden. Die erogenen und reproduktiven Körperteile von Frauen sind zu empfindsam, um als Werkzeug vergegenständlicht zu werden. Prostitution kann nur in einem Zustand pathologischer Dissoziation[6] praktiziert werden.

Zudem kann Prostitution nicht als ein Job wie jeder andere betrachtet werden, da sie traumatisierend ist. Zahlreiche Studien haben belegt, dass das Risiko eine Posttraumatische Belastungsstörung zu entwickeln in der Prostitution höher liegt als im Krieg[7].

So wie es ein Menschenrecht gibt im Frieden zu leben, sollte es ein universelles Menschenrecht geben, nicht prostituiert zu werden.

2) Nachhaltige Entwicklungsziele (SDGs) wurden festgelegt, um Gleichstellung herzustellen und alle Frauen und Mädchen zu stärken. Die SDGs enthalten ebenso Zielvorgaben, die zur Stärkung der Frauen führen, so wie: a) Reproduktionsrechte b) Eigentumsrechte von Frauen für Land und Vermögen c) den Aufbau friedvoller und inklusiver Gesellschaften d) die Beendigung des Frauenhandels e) die Beseitigung der Gewalt gegen Frauen.

Die derzeitige Diskussion über Prostitution innerhalb UN-Frauen wurde in einer vergleichbaren Weise vor ca. 15 Jahren in Deutschland geführt. Ich fühle mich geehrt heute die Möglichkeit zu haben mit Ihnen unsere Erfahrungen zu teilen, die wir mit einem Gesetz gemacht haben, das Prostitution legalisiert und normalisiert. Das „deutsche Modell“ ist weit davon entfernt Frauen in der Prostitution zu schützen, stattdessen wurde es für die Frauen in der Prostitution zur „Hölle auf Erden“. Ich benutze diesen harten Vergleich absichtlich, weil sich die Situation in Deutschland gravierend verschlechtert hat. Ich werde auf Ihre Fragen antworten, indem ich Ihnen eine Übersicht gebe, welche Auswirkungen das „deutsche Modell“ angenommen hat.

Dieses Gesetz, eingeführt im Jahr 2002, hatte das Ziel die Frauen in der Prostitution zu schützen und zu stärken indem sie den Status „SexarbeiterInnen“ bekamen und die Vorzüge der Arbeitsschutzgesetze in Anspruch nehmen konnten, wie jeder andere Arbeitnehmer und Selbst-ständige auch. Daraus ergaben sich folgende Resultate:

Wir wurden Zeugen einer Industrialisierung der Prostitution, mit einem geschätzten Umsatz von 14,6 Milliarden Euro und 3500 offiziell angemeldeten Bordellen[8]. Die Gründung von Mega-Bordellen mit Kapazitäten, die mehr als 1000 Sexkäufer aufnehmen[9]. Die Zunahme von ca. 30% der Nachfrage. Die Einrichtung von „flat-rate“ Bordellen: Für 70,- Euro gibt es ein Bier, eine Wurst und unbegrenzten Zugang zu Frauen[10]. Wir beobachteten das Sinken der Verdienste der Frauen (30,00 Euro für Sexualverkehr, die Frauen müssen jedoch 160,00 Euro Zimmermiete und 25,00 täglich fälliger Steuern zahlen).

Diese Frauen sind den Regeln des freien Marktes des h ärteste Kapitalismus unterworfen: Ihre Körper werden auf das Maximum ausgebeutet. Wir beobachten die Art von inhumanen Arbeitsbedingungen, die -wie wir dachten- seit Beginn des 20 Jahrhunderts überwunden hatten: Diese Frauen leben, essen und schlafen in dem selben Zimmer, in dem sie auch ihre „Kunden“ empfangen. Viele unter ihnen führen ein Normadenleben und ziehen von einer Stadt zur anderen, von einem Bordell zum nächsten, um den Sexkäufern Abwechslung zu bieten.

Mit einem Gesetz, dass die Prostitution normalisierte war die Botschaft an Männer klar: Sex zu kaufen wurde zu ihrem Recht und es gibt keine Notwendigkeit mehr sich deswegen schuldig zu fühlen. Ihr Verhalten pervertierte sich über Nacht[11]. Die „Kunden“ sahen sich berechtigt mehr und mehr „Dienstleistungen“ zu geringeren Preisen zu fordern. So wurden ungeschützte sexuelle Praktiken üblich und mit ihnen Schwangerschaften und späte Abtreibungen auch!

Seit 2002 veränderte sich die Demographie der prostituierten Frauen. Mit dem Beitritt der osteuropäischen Staaten in die EU kamen Frauen aus den ärmsten Regionen Europas. Oft gehören sie Minderheiten an, die in extremer Armut leben. Heute stammen 95 % der Prostituierten aus dem Ausland. Es ist eine Armutsprostitution geworden. Diese Frauen werden oft von ihren eigenen Familien geopfert, um diese finanziell zu unterstützen. Die Mehrheit dieser Frauen spricht kein Deutsch. Sie kommen jung nach Deutschland und werden den pervertierten Sexkäufer ausgeliefert. Sie sind nicht in der Lage NEIN zu sagen und sich selbst zu verteidigen. Sie sind komplett mit der Situation überfordert und von ihr völlig traumatisiert[12].

Die Arbeits- und Hygienebedingungen wurden katastrophal. Von 400.000 prostituierten Frauen (eine über 15 Jahre alte Schätzung), haben sich nur 44 als Selbstständige registriert[13]. Die überwiegende Mehrheit bleibt illegal, was bedeutet, dass sie keinen Zugang zu den Sozial-Systemen haben und nicht zu einem Arzt gehen können.

Ein erst kürzlich erstellter Bericht eines deutschen Gynäkologen[14] stellt fest, dass die Gesundheit der Frauen in der Prostitution verheerend ist: Mit 30 sind die Frauen schon vorgealtert, was ein Symptom von extremen und ständigem Stress ist. Alle Frauen leiden unter permanenten Bauchschmerzen, Gastritis und ständigen Infektionen durch die ungesunden Lebensverhältnisse. Nur durch Alkohol, Drogen und Medikamente können sie die emotionalen und seelischen Traumatisierungen ertragen. Weiter führt er aus, dass es eine wachsende Nachfrage an schwangeren Frauen in der Prostitution gibt. Diese Frauen müssen 15 bis 40 Männer am Tag „bedienen“ bis zur Geburt ihres Kindes. Oft geben sie ihr Neugeborenes auf, um möglichst schnell wieder arbeiten zu können, manchmal schon drei Tage nach der Geburt. Diese rücksichtslose Praxis gegenüber der Gesundheit von Mutter und neugeborenem Kind kann zu bleibenden Schäden führen. Lutz Besser[15], Doktor der Medizin und Psychotrauma-Therapeut, berichtet von einer Praxis Frauen zu schwängern, nur um sie Sexkäufern anzubieten und sie dann späten Abtreibungen im Ausland unterziehen zu lassen. Wenn sie das Kind zu Welt bringen, verlassen sie es oft bereits im Krankenhaus, um so schnell wie möglich wieder schwanger zu werden.

Es ist absurd über reproduktive Rechte von Frauen in der Prostitution zu sprechen, denn es geht hier nur um das Recht des Sexkäufers, um seine Rechte ohne Einschränkungen zu garantieren.

Eine Studie des deutschen Familienministeriums aus dem Jahr 2004[16] wies nach, dass 87% der Frauen in der Prostitution körperlicher Gewalt ausgesetzt sind, 82% emotionaler Gewalt, 92% sexueller Belästigung, 59% sexueller Gewalt. Allein diese Zahlen machen es schwer von einem Job wie jedem anderen zu sprechen. Diese Forschungsarbeit ist bereits vor mehr als 10 Jahren ausgeführt worden und die Dinge haben sich seitdem signifikant verschlechtert. Gewalt ist ein Bestandteil der Prostitution.

Das „Deutsche Modell“ der legalen Prostitution hat sich als ein gefälliges Gesetz für die kriminelle Welt gezeigt. Deutschland ist ein Eldorado für Menschenhändler, Zuhälter und Bordellbetreiber geworden, so Manfred Paulus, Hauptkommissar der Polizei[17]. Die Polizei ist machtlos mit einem Gesetz, dass das System Prostitution gestärkt hat. Die Zahlen beweisen es[18]: Im Jahr 2002 wurden 151 Personen wegen Menschenhandels verurteilt, in 2011 waren es nur 32 Personen. 2011 wurden nur in 636 Fällen Frauen als Opfer von Menschenhandel eingestuft, was dreimal weniger ist als noch zehn Jahre zuvor, obwohl die Zahl der Frauen in der Prostitution angestiegen ist.

3) Sexhandel ist geschlechtspezifisch. Wie können wir Frauen in diesem Handel am besten vor Gewalt, Stigma und Diskriminierung schützen ?

 Zu allen Zeiten wurde versucht die weibliche Sexualität zu domestizieren, zu kontrollieren und zu diktieren. Prostitution ist ein solches Diktat! Es ist ein Fehler, Prostitution als sexuelle Freiheit zu betrachten. Tatsache ist, dass es hier nur um die Freiheit der männlichen Sexualität geht. Und das ist das Problem! Wir müssen unsere Aufmerksamkeit auf den Sexkäufer richten, der nie in Frage gestellt wurde. Der Sexkäufer ist ein soziales Konstrukt,[19] das aus einer ungleichen Geschlechtererziehung resultiert. Wenn wir uns mit Prostitution auseinandersetzen, ist es wichtig uns zu fragen, in welcher Gesellschaft wir eigentlich leben wollen. Wir brauchen eine neue Generation Männer, die nicht auf Prostitution und auf das Beherrschen von Frauen zurückgreift, um sich selbst zu definieren. Ebenso ist es falsch zu denken, dass männliche Sexualität nicht kontrollierbar wäre. Die Legalisierung und Normalisierung der Prostitution zementiert die Ungleichheit zwischen Mann und Frau und kommt einer Kapitulation gegenüber der Gewalt gegen Frauen gleich.

Aus all diesen Gründen brauchen wir eine weltweite Einführung des Schwedischen Modells. Ein Modell, dass den Sexkäufer bestraft, Frauen in der Prostitution entkriminalisiert und ihnen Alternativen bietet zum Ausstieg aus der Prostitution anbietet, ihnen den Zugang zum öffentlichen Gesundheitssystem ermöglicht sowie Maßnahmen zur Prävention umsetzt.

Karlsruhe, den 15.10.2016

Dr. Ingeborg Kraus

 

 

Diesen Text finden Sie hier in einer PDF Datei:  brief-an-un-frauen

 

[1] http://www.trauma-and-prostitution.eu/

[2] http://www.trauma-and-prostitution.eu/der-appell/

[3] http://www.dgtd.de/

[4] http://www.michaela-huber.com/files/vortraege2014/trauma-und-prostitution-aus-traumatherapeutischer-sicht.pdf

[5] Dre Muriel Salmona: Pour mieux penser la prostitution: quelques outils et quelques chiffres qui peuvent être utiles. Chapitre 3: Violences avant l´entrée en situation prostitutionnelle. http://www.trauma-and-prostitution.eu/fr/2015/01/21/pour-mieux-penser-la-prostitution-quelques-outils-et-quelques-chiffres-qui-peuvent-etre-utiles/

[6] Michaela Huber: Trauma und Prostitution aus traumatherapeutischer Sicht, 2014: http://www.michaela-huber.com/files/vortraege2014/trauma-und-prostitution-aus-traumatherapeutischer-sicht.pdf

[7] – Studie von Melissa Farley, 2008: 68% erfüllten Kriterien einer Posttraumatischen Belastungsstörung, dessen Ausprägung vergleichbar mit Kriegsveteranen oder Folteropfer ist. http://www.trauma-and-prostitution.eu/en/2015/01/26/prostitution-and-trafficking-in-nine-countries-an-update-on-violence-and-posttraumatic-stress-disorder/

– Studie von Zumbeck in Deutschland von 2001, die herausfand, dass 60% der Frauen hatten eine voll ausgeprägte Posttraumatische Belastungsstörung. Zumbeck, Sibylle: Die Prävalenz traumatischer Erfahrungen, Posttraumatische Belastungsstörungen und Dissoziation bei Prostituierten , Hamburg, 2001.

[8] Michael Jürgs: Sklavenmarkt Europa, 2014, Bertelsmann, P. 327.

[9] Chantal Louis : Die Folgen der Prostitution, in: Alice Schwarzer HG, Prostitution, ein Deutscher Skandal, 2013, KIWI, p. 70-87.

[10] Der Spiegel: Bordell Deutschland. 27.05.2013 http://www.spiegel.de/international/germany/human-trafficking-persists-despite-legality-of-prostitution-in-germany-a-902533-2.html

[11] Radio Interview with the Dominatrix Ellen Templin, le 08.03.2010. http://abolition2014.blogspot.de/2014/05/interview-mit-einer-domina.html

[12] Sabine Constabel, a social worker who has worked with prostituted women in Stuttgart für 20 years, made the following statements in a television interview on Oct. 17, 2013. https://www.youtube.com/watch?v=BpCPKDRcFg0

[13] Michael Jürgs: Sklavenmarkt Europa, 2014, Bertelsmann, P. 327.

[14] Dr. Wolfgang Heide: Stellungnahme zur öffentlichen Anhörung zur 
„Regulierung des Prostitutionsgewerbes“ im Ausschuss für Familie, Senioren, Frauen und Gesundheit im Deutschen Bundestag am 06. Juni 2016. http://www.trauma-and-prostitution.eu/2016/06/05/stellungnahme-von-wolfgang-heide-facharzt-fuer-gynaekologie-und-geburtshilfe/

[15] Dr. Lutz Besser: Stellungnahme zur Anhörung zum Entwurf eines Gesetzes zur Regelung des Prostitutionsgewerbes sowie zu Schutz von in der Prostitution tätigen Personen. 04.06.2016. http://www.trauma-and-prostitution.eu/2016/06/04/lutz-besser-stellungnahme-zum-prostituiertenschutzg/

[16] Studie von Schröttle & Müller 2004 in: Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend : Gender Datenreport », Kapitel 10: Gewalthandlungen und Gewaltbetroffenheit von Frauen und Männern, P. 651-652, 2004.

[17] Manfred Paulus: Menschenhandel, 2014, Verlag Klemm+Oelschläger, P. 107.

[18] Der Spiegel: Bordell Deutschland. 27.05.2013.

[19] Udo Gerheim: Die Produktion des Freiers, 2012, Transcript, P. 7.