„Alle Freier sind Täter“

Huschke Mau, Aussteigerin aus der Prostitution, in der Süddeutschen Zeitung: Nach einer Kindheit voller Missbrauch und Gewalt beginnt Huschke Mau, sich zu prostituieren. Der Ausstieg nach zehn Jahren im Milieu war schwierig. Heute sagt sie: Freiwillige Prostitution ist ein Mythos. Sie engagiert sich seit ihrem Ausstieg für ein Sexkaufverbot in Deutschland.

„Meine Familie würden viele wohl als asozial bezeichnen. Wir lebten zwar in einer Eigenheimsiedlung, mit dem Haus hat sich mein Vater allerdings finanziell übernommen. Unser Haus wurde nie fertig, es hatte innen lange Zeit nicht mal Türen – das wollte mein Vater auch nicht, der hatte das Bedürfnis, uns alle zu kontrollieren.

Verprügelt hat er die ganze Familie, meine Mutter auch häufig vergewaltigt. Oft mussten meine Schwester, mein Bruder und ich uns nackt ausziehen und er hat uns angebrüllt. Wenn ich gebadet habe, hat er meinen Kopf unter Wasser gedrückt. Und manchmal hat er uns auch mitten in der Nacht aus dem Bett geprügelt. Damals dachte ich, er wird uns alle umbringen.

So wuchs ich auf, in einer Atmosphäre von Terror und Angst – und mit dem Gefühl, alles falsch wahrzunehmen. Denn trotz der Brutalität meines Vaters hat meine Mutter immer zu ihm gehalten. Es war alles verdreht: Er hat sie verdroschen, ich bin dazwischengegangen und habe die Schläge abbekommen. Und danach haben beide so getan, als wäre ich einfach ein seltsames Kind. Ich erfuhr später, dass ich im Gegensatz zu meinen Geschwistern nicht das leibliche Kind meines Vaters war. Vielleicht erklärt das, warum ich am meisten abgekriegt habe.

In meinen Kindheitserinnerungen gibt es viele Lücken. Zum Beispiel kann ich mich erinnern, wie mein Stiefvater in mein Zimmer kommt, sich auf mich legt und ich die Luft anhalte. Und die nächste Dreiviertelstunde fehlt einfach.

Plötzlich stand ich ohne Familie da

Als ich älter wurde, fraulicher wurde, verstärkte er seine Kontrolle über meinen Körper. Meine Mutter und er bestimmten, welche Frisur ich tragen musste, welche Kleidung ich tragen durfte. Ich bekam immer mehr Angst davor, dass mein Vater mich irgendwann auch vergewaltigen würde – denn das drohte er immer an, wenn meine Mutter mal versuchte, sich ihm zu verweigern.

Mit 17 bin ich daher von zu Hause abgehauen. Ich hoffte, wenn ich dem Jugendamt erzähle, was bei uns los ist, stecken sie meinen Vater ins Gefängnis und alles wird gut. Was ich mir nie hätte träumen lassen: Dass ich plötzlich ohne Familie dastehe.

Die Mitarbeiterinnen des Jugendamtes organisierten ein Konfrontationsgespräch, bei dem ich die Vorwürfe im Beisein meiner Eltern erörtern sollte. Und da saß mein Vater, der Mann, der ständig die ganze Familie durchprügelte, und sagte grübelnd: „Wie, geschlagen? Ach ja, jetzt erinnere ich mich – einmal ist mir die Hand ausgerutscht.“ Meine Mutter saß daneben und sagte kein Wort. So sah die Unterstützung des Jugendamts aus.

Dass ich nach diesem Gespräch nicht zurück nach Hause musste, verdanke ich nur den Frauen aus dem Mädchenwohnheim, in dem ich gelandet bin. Sonst hatte ich allerdings niemanden mehr: Meine Eltern wollten mich nicht mehr sehen und verhinderten den Kontakt zu meinen Geschwistern. Im Heim konnte ich bleiben, bis ich mit der Schule fertig war. Doch dann musste ich ganz alleine klarkommen – ohne Geld, ohne Kontakte und ohne die geringste Ahnung von irgendwas.

Ich kannte keine erwachsenen solventen Menschen

Ich zog in eine andere Stadt und wollte studieren. Aber das ging komplett schief. Wenn man mit 19 eine Wohnung mieten will, braucht man einen erwachsenen solventen Menschen, der für einen bürgt. Ich kannte aber keinen einzigen erwachsenen solventen Menschen. Auch brauchte ich für so vieles die Unterschrift meiner Eltern, für Bafög zum Beispiel. Meine Eltern haben mir aber nichts unterschrieben, deswegen bekam ich ein Dreivierteljahr lang kein Geld. Also habe ich angefangen, mich zu prostituieren.

Unterstützung? Nirgends! 

Ich habe einem Typen, der mir auf der Straße nachgepfiffen hat, gesagt, dass es bei mir was kostet und für meine erste Nummer 40 Euro genommen. Es war das dritte Mal in meinem Leben, dass ich Sex hatte, und es hat übel wehgetan. Mein erster Freier war ein sadistisches Arschloch, dem es richtig Spaß machte, zu sehen, wie schwer mir das alles fiel.

Ich habe dann noch eine Weile versucht, in ein normales Leben reinzukommen, aber ich kam nicht klar. Ich habe nicht verstanden, wie die Uni funktioniert. Ich konnte meine Miete nicht bezahlen. Ich habe es nicht geschafft, meine Probleme mit Ämtern und Versicherungen zu klären. Ich besaß nicht einmal meine eigene Geburtsurkunde, denn die lag bei meinen Eltern.

Unterstützung bekam ich nirgends. Ich war zwar einige Monate in einer psychiatrischen Klinik, weil es mir so schlecht ging. Doch anstatt, dass mir dort jemand gezeigt hätte, wie ich im Leben klarkommen könnte, ließen sie mich mit Windowcolors malen und nannten das Ergotherapie. Als ich aus der Klinik kam, war mein WG-Zimmer anderweitig vermietet.

Also griff ich auf Plan B zurück und meldete mich bei einem Typen, der mit Pornos Geld verdienen wollte und Frauen für den Dreh suchte. Ich wollte allerdings, dass die Kamera aus blieb – so wurde Prostitution draus. Der Mann war Polizist beim Bundesgrenzschutz und mein erster Zuhälter. Er zeigte mir, wo ich annoncieren musste, brachte mir das Vokabular bei und nahm die Hälfte meiner Einnahmen. Ich wohnte auch bei ihm und schlief mit ihm. Erst als er richtig handgreiflich wurde, packte ich meine Sachen und zog aus. Als Nächstes habe ich in einem Wohnungsbordell gearbeitet. Und, weil ich obdachlos war, dort auch gewohnt.

Das machen viele Prostituierte, zumindest zeitweise. Die Betreiberin des Bordells vermittelte mir dann eine Wohnung, hatte aber ebenfalls einen Schlüssel dafür. Wenn ich also mal einen Freier abgelehnt oder aufs Kondom bestanden habe, saß am nächsten Tag ein Typ in meinem Wohnzimmer und sagte: „Ich hab gehört, es gibt Probleme. Wir müssen mal reden.“ So viel zur Freiwilligkeit in der Prostitution. Wenn eine Frau den Puff wechseln oder ganz aussteigen will, muss sie sich freikaufen, was meistens etwa 3000 Euro kostet.

Die muss man erst mal zusammenkratzen. Denn dass eine Frau als Hure reich wird, ist ein Gerücht. Ich habe zwar immer 120 Euro für eine Stunde genommen, was sich viel anhört, wenn man von ein paar Freiern am Tag ausgeht und das auf den Monat hochrechnet. So funktioniert das aber nicht.

Die Hälfte bekommt schon mal der Wirtschafter oder Vermieter oder wie immer sich der Zuhälter nennt. Der nächste große Betrag geht für Drogen drauf. Ich habe in zehn Jahrem im Milieu keine Prostituierte kennengelernt, die nicht gesoffen, gekifft oder gekokst hat.

Eine Prostituierte verdient viel Geld – es ist aber sofort wieder weg

Und dann sitzen die Huren tagein, tagaus im Bordell und schaffen an. Sie haben also keine Zeit, einzukaufen, zu kochen, zum Friseur zu gehen oder sonstwas. Das Essen kommt vom Lieferservice, Klamotten werden bestellt, die Friseurin kommt in den Puff. Auf diese Weise ist das alles viel teurer, als wenn man es über normale Wege besorgt.

Zudem gibt es für jeden Mist Strafgelder. Fürs Zuspätkommen, für unzufriedene Kunden oder ein unaufgeräumtes Zimmer. Innerhalb kürzester Zeit sind die Frauen bei ihren Zuhältern verschuldet und kommen nicht mehr aus der Nummer raus. Ja, eine Hure verdient viel Geld – es ist aber sofort wieder weg. Auch der Staat verdient durch Steuern und Abgaben an der Prostitution mit.

Das allerschlimmste sind die Männer!

Doch so schlimm das kriminelle Milieu ist, in das eine Prostituierte automatisch gerät: Das allerschlimmste sind die Männer. Alle Freier sind Täter. Dieser Mythos, dass sich Freier nach Nähe sehnen und sich eigentlich nur eine Freundin wünschen – das ist ein Märchen. Stattdessen wurde ich als Hure permanent abgewertet.

Einer hat mal zu mir gesagt, er habe seit einem Jahr keine Frau gehabt und wolle in Übung bleiben. Die Gummipuppe, die er sich gekauft hatte, sei kaputt und deswegen habe er mich bestellt. Was für eine Entmenschlichung! Er sagte mir quasi ins Gesicht, dass ich für ihn auf einer Stufe mit einer Puppe stehe.

Nach den ersten Jahren im Wohnungsbordell war ich noch ein paar Jahre selbständig, das heißt, ich habe Haus- und Hotelbesuche angeboten und hatte keinen Zuhälter mehr. Das ist ungewöhnlich und wird in der Szene nicht gerne gesehen. Da kam es schon vor, dass ich zu einem Termin bestellt wurde und wenn ich hinkam, saß da kein Freier, sondern ein Typ aus dem kriminellen Milieu, der mir seinen „Schutz“ angeboten hat.

Über mich durfte nur noch drüber, wer es sich leisten konnte

Während dieser Zeit als Escort hatte ich vor allem Geschäftsmänner auf Dienstreise als Kunden. Die laberten mich erst einmal zwanzig Minuten voll, wie gestresst und erfolgreich sie sind und sagten dann gönnerhaft: „Du darfst mir jetzt einen blasen.“

Mächtig fühlte ich mich dabei nie. Das ist auch so ein Hurenmythos, dass die Frauen durch das Verkaufen von Sex Macht über die Männer bekommen würden. Nur ganz am Anfang habe ich das so empfunden, weil ich als Prostituierte den Zugang zu meinem Körper zum ersten Mal in meinem Leben selbst geregelt habe. Ich hatte zu Hause gelernt, dass Frauen jeden drüberlassen müssen, weil sie nur zum Vögeln gut sind. Jetzt ließ ich nur noch die ran, die es sich leisten konnten.

Nur ein einziges Mal hatte ich einen Freier, der Zweifel hatte, und der mich fragte, ob es denn in Ordnung sei, für Sex zu bezahlen. Ich sagte: „Du hast mir gerade 120 Euro hingelegt, welche Antwort erwartest du?“ Da hat er dann nicht mehr weiter gefragt. Keine Hure sagt in der Situation, dass sie keine Lust hat, sich schon wieder durchficken zu lassen und dass nichts in Ordnung ist. Sie braucht das Geld.

Manche Freier glauben auch, dass die Prostituierten den Sex genießen würden. Natürlich bilden sie sich das ein! Sie bezahlen schließlich dafür, dass ihnen das vorgespielt wird. Ich hatte Kunden, denen eine Frau gesagt hatte, sie würden es im Bett nicht richtig bringen. Die kamen dann zu mir, um sich etwas vorstöhnen zu lassen, und zogen daraus den Schluss, doch ein guter Stecher zu sein. So zu tun, als wäre alles geil, gehört zum Job einer Hure.

Dass an Prostitution gar nichts geil ist, war mir schon nach dem ersten Freier klar. Doch ich hatte keine andere Überlebensstrategie. Entweder ich habe angeschafft und wusste, wovon ich leben kann. Oder ich ließ mich nicht anfassen und musste zwei Wochen Reis essen.

In den zehn Jahren, in denen ich mich prostituiert habe, habe ich immer wieder den Ausstieg versucht, mir immer wieder gesagt: Du tust es nie wieder! Manchmal habe ich ein paar Wochen geschafft, manchmal ein paar Monate – doch dann war wieder kein Geld da und ich sah keine andere Alternative.

Saubere Prostitution ist ein Mythos

So negativ wie heute habe ich die Prostitution damals nicht gesehen, aber das ist auch nicht möglich. Eine, die in einer beschissenen Situation steckt und kein Entkommen sieht, muss sie sich schönreden. Sonst erträgt sie es nicht. Also trank ich, nahm Drogen, und zog mit den anderen Mädchen über Freier und Zuhälter her. Ich glaubte, eine stolze Hure zu sein.

Doch eine Prostituierte steckt in einem kriminellen System aus Druck, Sucht und finanzieller Abhängigkeit. Saubere Prostitution gibt es nicht. Ich bin kein Menschenhandelsopfer und niemand hat mich mit gezogener Waffe dazu gezwungen, meinen Körper zu verkaufen. Man würde mich wohl als „freiwillige“ Prostituierte bezeichnen, womit ich zu einer privilegierten Minderheit unter den Huren gehörte. Dennoch bin ich der Meinung, dass bei meiner Geschichte von Freiwilligkeit keine Rede sein kann.

Tipp der Beratungsstelle: Geh einfach nicht mehr hin

Die letzte Zeit war die schlimmste. Ich begann immer mehr, zu reflektieren, was ich da eigentlich tue, und mir wurde immer klarer, wie sehr ich jeden Tag misshandelt werde. Irgendwann habe ich dann keinen Alkohol mehr getrunken, keine Drogen mehr genommen. Damit hatte ich nichts mehr, was dämpft, und die Stunden mit den Freiern waren die pure Hölle.

Also habe ich mir Hilfe bei einer Beratungsstelle gesucht. Doch der einzige Tipp, den die für mich hatten, war: Geh nicht mehr hin. Konkrete Ausstiegshilfe gibt es nirgends, dennProstitution ist in Deutschland legal. Die meisten Beratungsstellen sind Pro-Sexarbeit und beschönigen alles. Die verstehen überhaupt nicht, was das Problem ist. Die meisten Huren, die aufhören wollen und es nicht alleine schaffen, fühlen sich von denen verarscht – genau wie ich.

Ich habe alles alleine machen müssen, den Drogenentzug, den Alkoholentzug und den endgültigen Ausstieg aus dem Milieu. All die Jahre habe ich mal mehr und mal weniger engagiert nebenbei studiert und nun war ich so weit, dass ich einen Job in meiner Fachrichtung bekommen habe.

Von einem Tag auf dem anderen arbeitete ich in einem Großraumbüro statt im Bordell. Dieser Wechsel war so extrem, ich habe es kaum ausgehalten. Vor allem körperliche Nähe zu männlichen Kollegen war mir unangenehm. Ich musste mir immer vorstellen, dass die vielleicht auch Freier sind. Glücklicherweise durfte ich irgendwann von zu Hause aus arbeiten.

Das hört sich jetzt vielleicht einfach an, aber das war es nicht. Ich war süchtig, hatte Phobien, Depressionen und eine posttraumatische Belastungsstörung. Ich hatte keine Kontakte außerhalb des Milieus und dafür unendlich viele Probleme mit den Behörden. Der Ausstieg war echt hart.

Es ist immer noch hart. Ich mache eine Traumatherapie und versuche, all das Erlebte zu bewältigen. Außerdem denke ich darüber nach, zu promovieren. Wenn ich mir erlaube zu träumen, sehe ich mich mit meiner Katze in einem kleinen Häuschen sitzen und in einem Beruf arbeiten, der meiner Qualifikation entspricht. Eine Beziehung habe ich nicht. Das ist auch schwierig. Ich reagiere so sensibel auf die kleinsten Grenzüberschreitungen und alles Mögliche triggert mich – Schmatzen kann ich zum Beispiel überhaupt nicht ertragen, da flippe ich aus.

Meine Erfahrung hat mich dazu gebracht, den Verein Sisters e. V. mitzugründen, denn so eine Beratungsstelle hätte ich mir damals gewünscht. Sisters unterstützt Frauen ganz konkret dabei, aus der Prostitution auszusteigen, zum Beispiel durch Hilfe bei der Job- und Wohnungssuche.

Anders als die meisten anderen Beratungsstellen tun wir nicht so, als wäre Prostitution grundsätzlich in Ordnung. Das gibt den Frauen nämlich das Gefühl, dass sie zu empfindlich oder selbst schuld sind, wenn sie an ihrer Situation leiden. Nein, wir sagen: Prostitution ist schädlich. Wir fordern ein Sexkauf-Verbot, wie es das zum Beispiel in Schweden gibt.

Was Freier einer Hure antun, ist krass. Aber dass unsere Gesellschaft so tut, als wäre Prostitution in Ordnung, ist fast noch schlimmer.

Dieser Artikel wurde in der Süddeutschen Zeitung am 18.05.2016 veröffentlicht: http://www.sueddeutsche.de/leben/prostitution-alle-freier-sind-taeter-1.2989558