Ich durfte einen Gastbeitrag über 10 Jahre Nordisches Modell in Frankreich für die Tagespost schreiben. Hier mein Text:
In Paris demonstrieren Hunderte nun für die vollständige Abschaffung der Prostitution – und blicken fassungslos auf ein Deutschland, das das Bordell Europas zu bleiben scheint.
Von Ingeborg Kraus
Prostitution macht krank! Seit zehn Jahren ist es in Frankreich strafbar: Am 13. April 2016 kam das abolitionistische Gesetz: die Freierbestrafung nach Nordischem Modell. Zehn Jahre später demonstrieren 500 Menschen in Paris – für die totale Abschaffung der Prostitution im Land. Es sprachen alle Akteure, die dieses Gesetz ermöglicht haben. Dieser Kampf war nicht einfach. Er wurde parteiübergreifend geführt, federführend waren die Sozialistinnen.
Das Gesetz wurde damals aufgrund der erschütternden Berichte ehemaliger prostituierter Frauen angenommen, die den Mut hatten, über die Gewalt, den Sexismus und den Rassismus zu berichten, dem sie ausgeliefert waren.
Auch in Deutschland gab es vor kurzem große Demonstrationen für einen besseren Schutz von Frauen vor männlicher Gewalt. 250 namenhafte Frauen aus Politik, Wirtschaft und Kultur stellten der Bundesregierung zehn Forderungen dazu. Diese Forderungen sind wichtig und richtig, nur fehlt die wichtigste: die Abolition der Prostitution! Wie kann das sein?
Deutschland hat sich nach Legalisierung der Prostitution im Jahr 2002 zum Bordell Europas entwickelt. Es wurde zur Drehscheibe von Menschenhandel. Prostitution und Nachfrage sind seitdem explodiert. Es ist in Frankreich unbegreiflich, dass Deutschland immer noch keine wirksamen Maßnahmen dagegen ergreift.
Sexuelle Gewalt gegen Frauen
Auch die Confédération générale du travail (CGT), eine der größten und ältesten Gewerkschaftsbünde Frankreichs, hat sich klar positioniert: Prostitution könne nicht als Arbeit akzeptiert werden, wenn eines ihrer wichtigsten Ziele die Bekämpfung von Sexismus sei. Denn Prostitution ist auf Sexismus aufgebaut. Würde ist nicht verhandelbar. Wenn man eine Gruppe Opfert, opfert man eine ganze Gesellschaft. Die Arbeit der Gewerkschaft besteht darin, alle zu schützen, so eine CGT-Sprecherin. Deswegen ist es unbegreiflich, dass die Gewerkschaften in Deutschland, so wie Verdi, immer noch von Sexarbeit reden und das „System Prostitution“ nicht in Frage stellen.
Prostitution gilt in Frankreich als eine Form der sexuellen Gewalt gegen Frauen. Es legitimiert männliche, patriarchale Gewalt, entmenschlicht Frauen und reduziert sie zum Konsumgut. Legalisierte Prostitution hemmt die Gleichstellung von Mann und Frau. Und sie erhöht die Gewalt gegen Frauen gesamtgesellschaftlich. Prostitution existiert aufgrund der patriarchalen Sicht, die wir von Frauen in der Gesellschaft haben, und zwar, dass die Frau dem Mann untergeordnet sei.
Insgesamt waren alle Ministerin, Abgeordneten und Gäste aus aller Welt über die Situation in Deutschland schockiert. Deutschland schneide hier katastrophal ab. Eine französische Abgeordnete berichtete, was sie kürzlich in Berlin erlebte. Sichtlich schockiert mahnte sie: „Wenn man es zulässt, Frauen kaufen zu können, dann gibt es keine Grenzen mehr. Man kann alles kaufen. Auch schwangere Frauen.“
Vertuschte Probleme
Diese Erkenntnisse scheinen bei vielen Politikerinnen des linken Spektrums, wie etwa Ricarda Lang, Bärbel Bas oder Franziska Brantner, die sich mit Collien Fernandes solidarisiert haben, noch nicht angekommen zu sein. Collien Fernandes wäre gut beraten, sich andere Freundinnen zu suchen, als „Pro-Sexarbeit“-Politikerinnen, die sie womöglich noch für ihr Image instrumentalisieren. Diese „Feministinnen“ tragen nämlich eine historische Verantwortung in der Entwicklung einer Sexindustrie, die täglich tausende Opfer sexueller Ausbeutung hervorbringt.
Kritik ist aber nicht nur an den linken Parteien anzubringen. CDU-Bundesministerin Prien hat eine neue Evaluation des Gesetzes gefordert, die wieder 18 Monate dauern wird. An die Spitze dieser „Prostituiertenschutz-Kommission“ setzt sie einen Mann, Tillmann Bartsch, der dafür bekannt ist, gegen das Nordische Modell zu sein. Dementsprechend hat er auch sein Team zusammengestellt. Er war auch der Leiter der letzten Evaluation, die nichts gebracht und von Unwissenschaftlichkeitnur geschrien hat. Aus dieser Evaluation wird wieder nichts werden. Es ist verlorene Zeit und in den Sand gesetztes Geld. Probleme werden wieder vertuscht. In Frankreich stellt man sich die Frage, was wohl das Ziel solch unlogischer Entscheidungen sein kann.
Damals hat sich der Mann von Collien Fernandes auch ganz offen für das System Prostitution positioniert und wurde dafür vom Magazin EMMA zum „Pascha des Monats“ gekürt. Sie stand neben ihrem Mann, als er 2013 über seine neue Show „Who wants to fuck my girlfriend“ berichtete: Zwei Männer wollen wissen, wer die „geilere“ Freundin hat. Also schicken sie beide ins Bordell, um zu sehen, wie viele Freier jede mit nach Hause bringt. Die mit den meisten Freiern hat gewonnen. Wie krank ist denn das, frage ich mich? So eine Serie und solche Äußerungen wären in Frankreich strafbar. In Deutschland ist das lustig und ganz normal. Diese deutsche Bordell-Kultur ist mitverantwortlich, dass sich Jungs zu Tätern entwickeln.
Politische Denkfaulheit
Collien Fernandes hat ihrem Mann damals nicht widersprochen. Sie hätte es aber tun sollen, da sie später selbst Opfer seiner frauenfeindlichen Fantasien wurde. Heute sollte sie die Abolition der Prostitution fordern und sich von „Feministinnen“ distanzieren, die weiterhin Gehilfinnen des Patriarchats bleiben wollen. Diese kämpfen nämlich für die Rechte der Freier und Zuhälter, indem sie ihnen eine vollständige Straflosigkeit garantieren wollen.
Die Prostitution ist nichts anderes, als das, was auch der Mann von Gisèle Pélicot mit seiner Frau gemacht hat: Eine regungslose und unterworfene Frau zu gewissen Zeiten haben, mit der man machen kann, was man will.
Vor zehn Jahren hielt die damalige Frauenministerin Vallaud-Belkacem eine bemerkenswerte Rede im Französischen Parlament. Sie sprach von einer „Denkfaulheit“ bei manchen Abgeordneten, die sagen, dass es Prostitution schon immer gab. Sie wollen sich etwas anderes gar nicht vorstellen. Wenn man diesen Gedanken für Deutschland übernehmen würde, dann könnte man sagen, dass fast alle Abgeordnete bei diesem Thema denkfaul sind.
Der Festakt im Französischen Parlament schloss mit einem Panel ab, wo Feministinnen ihre neuen Kämpfe ankündigten: OnlyFans und Pornografie. Der Kampf geht weiter!
Und was macht Deutschland? Aufgrund unserer unfähigen Politikerinnen bleiben wir das Bordell Europas. Die traurige Realität dieser Borniertheit ist aber, dass tausende Frauen täglich in der Prostitution dafür büßen müssen und sexuelle Gewalt erleben. Shame on you, Germany!
Die Autorin ist promovierte Diplompsychologin und international renommierte Psychotraumatologin.




