Meine Stellungnahme für die ProstituiertenSchutzKommission

Stellungnahme für die Prostituiertenschutz-Kommission zu folgender Frage:

In der öffentlichen Debatte finden sich Stellungnahmen, die von massiven negativen kausalen Auswirkungen der Prostitutionstätigkeit auf die psychische Gesundheit von Prostituierten ausgehen. Wie ist der Forschungsstand?

Erstellt von Dr. Ingeborg Kraus für die Anhörung der Kommission am 19.06.2026. 

Karlsruhe, 29.05.2026.

Hier als PDF-Format: Stellungnahme-Komission-Kraus-nur Text-pdf

Nach 25 Jahren gescheiterter Prostitutionspolitik, die Prostitution und Sexkauf legalisiert und normalisiert, behandelt die deutsche Regierung Prostitution immer noch als eine Möglichkeit der Erwerbstätigkeit. Sie trennt weiterhin Zwangsprostitution und Menschenhandel von „freiwilliger“ Prostitution. Niemand bezweifelt, dass Ersteres schwere psychische Schäden verursacht. Nur: Ist die Trennung zwischen Zwangsprostitution und Prostitution wirklich so eindeutig? Und: Ist Prostitution in sich eine Form der Gewalt, die zu psychischen Schäden führen kann?

Schon 2004, in einer großen Studie, die von der Bundesregierung in Auftrag gegeben wurde, wurde festgestellt, dass die legale Prostitution in Deutschland von schwerer Gewalt belastet ist (92% der Prostituierten erleben sexuelle Belästigungen, 87% körperliche Gewalt, 82% psychische Gewalt, 59% sexuelle Gewalt). Dies bestätigten in den letzten 25 Jahren auch wiederholt PolizistInnen und SozialarbeiterInnen, die im Rotlicht täten sind, sowie prostituierte Frauen, die den Ausstieg geschafft haben. All meine Patientinnen sagten mir, dass sie im Milieu keiner einzigen Frau begegnet seien, die sich freiwilligt prostituiert hätte. Auch Kriminalinspektor a.D. Manfred Paulus sagt, dass „98% der Frauen, die sich in Deutschland prostituieren, fremdbestimmt sind“. Das Rotlichtmilieu, so Paulus, „ist eine Parallelwelt mit eigenen Gesetzen, mit eigenen Richtern und, wenn es sein muss, auch mit eigenen Henkern.“ So gelangte 2020 ein Brief von einer ehemaligen prostituierten Frau an mich, die vor einem Jahr in einem „Vorzeige-Bordell“ in Karlsruhe arbeitete. Sie beschrieb es so: „Ich fühlte mich dort wie ein Stück Fleisch. […] An diesen Ort kamen 99% junge rumänische Frauen. […] Die Besitzer bieten Oralsex ohne Kondom an. Es war ihnen scheißegal, wie du dich fühlst. Es ist ihnen nur ihr Geld wichtig. Ich habe jeden Tag 12 Stunden gearbeitet und die Hausdame hat mir keine Zeit zum Rausgehen, um Essen zu kaufen, gegeben. Man muss die Hälfte des verdienten Geldes abgeben und für den Platz zum Schlafen zahlen. […] Viele Mädchen benutzen Antidepressiva und nehmen Drogen. Es zerbricht die Mädchen komplett.“

Eine Studie, die prostituierte Frauen auf ein Schädel-Hirn-Trauma untersuchte, kam zu erschreckenden Ergebnissen: 95% wiesen dauerhafte Kopfverletzungen auf, entweder weil sie mit Gegenständen geschlagen wurden oder ihr Kopf gegen Objekte geschlagen wurde. Die Frauen beschrieben akute und chronische Symptome, die aus diesen Verletzungen hervorgehen und/oder Gehirnerschütterungen. Diese beinhalten Schwindel, Kopfschmerzen, Schlafstörungen, Gedächtnis- und Konzentrationsstörungen, etc.

Von dieser Praktik berichteten mir auch prostituierte Frauen, die bei mir in Therapie waren. Gewalt gegen sie war Bestandteil des Milieus! Die Frauen wurden von ihren Zuhältern immer wieder so schwer geschlagen, dass man es sogar sehen konnte.

In ihrem Buch „Schneewittchen und der böse König“, fragte die Autorin Barbara Schmid die Betroffene, ob es denn nicht geschäftsschädigend war, mit blauen Flecken ins Bordell zu gehen. Die Antwort war Nein: „Je schlimmer sie verprügelt war, desto mehr verdiente sie“. Das hat die Freier anscheinend sexuell erregt.

Das konnten mir übrigens auch all meine Klientinnen bestätigen. Kein Freier hat sich um die Wunden der Frauen gekümmert. Sie hielten die Freier nie davon ab, sie zu kaufen.

Ich habe 14 Freier in der Studie über deutsche Freier interviewt: Was denken Freier, wie sich die Prostituierte fühlt, während sie mit einem Freier zusammen ist? Antwort-Beispiele: „Leer, angewidert, dreckig, körperlich und seelisch leidend, ängstlich, weggetreten. Sie versuchen, sich abzuschalten.“

Sind sich Sexkäufer der durch die Prostitution verursachten psychischen Schäden bewusst? – Ja, Freier gaben viele detaillierte Beispiele psychischer Belastung an: „Ich sah ihre blauen Flecken und Lustlosigkeit.“ – „Man merkt manchmal, dass sie das nicht freiwillig machen, sie scheinen wie weggetreten“. – „Ihr Körper und ihre Seele sind ausgemergelt, sie konnte nichts mehr fühlen“.

Freier üben auch selbst an den Frauen körperliche Gewalt aus. Grenzüberschreitungen werden von Freiern systematisch ausgeübt. Nur wenige halten sich an die „Abmachungen“, sagten mir alle meine Patientinnen, die in der deutschen legalen Prostitution tätig waren. Es gibt kaum eine prostituierte Frau, die von einem Freier nicht gewürgt wurde. Das bestätigt auch eine aktuelle französische Studie: 85% der interviewten Frauen gaben an, von Freiern zu unerwünschten sexuellen Akten gezwungen worden zu sein. 79,5% der Frauen haben von Freiern körperliche Gewalt erlebt: würgen, Ohrfeigen, Schläge, bespuckt werden, Zigarettenverbrennungen, chemische Unterwerfung, eingesperrt werden, Gewalt mit einer Waffe. Eine interviewte Frau wurde Opfer von 19 Messerstichen. 93% gaben an, von Freiern beschimpft worden zu sein.

Über 110 prostituierte Frauen wurden in den letzten 25 Jahren in Deutschland ermordet, eine ähnliche Zahl gab es an Mordversuchen. In Schweden war es nur eine Frau seit 1999.

Durch die Einnahme von Drogen/Alkohol sowie der Dissoziation sind die Frauen nicht in der Lage, sich körperlich zu wehren. Viele geraten so in einen Teufelskreis, wo sie die Prostitution nur mit Drogen ertragen können und sie das Geld der Prostitution brauchen, um die Drogen zu bezahlen.

Das bestätigt auch der Gynäkologe Wolfgang Heide, der seit vielen Jahren mit prostituierten Frauen arbeitet. Der Gesundheitszustand der Frauen in der legalen Prostitution in Deutschland ist verheerend, so Heide: Mit 30 sind die Frauen schon vorgealtert, was ein Symptom von extremem und ständigem Stress ist. Alle Frauen leiden unter permanenten Bauchschmerzen, Gastritis und ständigen Infektionen durch die ungesunden Lebensverhältnisse. Nur durch Alkohol, Drogen und Medikamente können sie die emotionalen und seelischen Traumatisierungen ertragen.

Weiter führt er aus, dass es eine wachsende Nachfrage an schwangeren Frauen in der Prostitution gibt. Diese Frauen müssen 15 bis 40 Männer am Tag „bedienen“ bis zur Geburt ihres Kindes. Oft geben sie ihr Neugeborenes auf, um möglichst schnell wieder zu arbeiten, manchmal schon drei Tage nach der Geburt. Diese rücksichtslose Praxis gegenüber der Gesundheit von Mutter und neugeborenem Kind kann zu bleibenden Schäden führen.

An der 10-Jährigen Feier der Einführung des Nordischen Modells in Frankreich waren alle MinisterInnen, Abgeordneten und Gäste aus aller Welt über die Situation in Deutschland schockiert. Deutschland schneide hier katastrophal ab. Eine französische Abgeordnete berichtete, was sie kürzlich in Berlin erlebte. Sichtlich schockiert mahnte sie: „Wenn man es zulässt, Frauen kaufen zu können, dann gibt es keine Grenzen mehr. Man kann alles kaufen. Auch schwangere Frauen.“

Es gibt ca. 80 Studien zu den psychischen Folgen der Prostitution und der Prävalenz von PTBS bei Menschen in der Prostitution. Sie zeigen sehr deutlich, dass bei prostituierten Frauen eine extrem hohe PTBS-Prävalenzrate vorhanden ist. Egal in welchem Land, welche Form der Prostitution oder wie sie ausgeübt wird: Prostitution ist hoch traumatisierend! Das ist ein Fakt! Es ist sogar gefährlicher, in der Prostitution tätig zu sein, als als Soldat einen Krieg überlebt zu haben. Prostitution macht krank!

Diese Erkenntnisse belegt auch die neueste wissenschaftliche Studie aus Frankreich. 258 prostituierte Menschen wurden interviewt, die sich in einem Ausstiegsprozess der Prostitution befanden. Die Interviews wurden von ihren Ausstiegsbegleitern durchgeführt, zu denen sie ein Vertrauensverhältnis hatten. 62,5% wiesen Symptome einer PTBS auf. Fast 81% gaben an, sich oft sehr traurig zu fühlen und 51% beschrieben weitere depressive Symptome. 74% haben Kopfschmerzen, 69% fühlen sich oft sehr müde und energielos, 62% haben Rückenschmerzen, 56% Magenschmerzen, die sehr oft auf Essstörungen zurückzuführen sind. 72% weisen Schlafstörungen auf. 59% der Frauen haben mindestens einen Schwangerschaftsabbruch hinter sich. 68% weisen eine bis sechs körperliche Erkrankungen auf, sowie z.B. Bluthochdruck, gynäkologische Probleme, Anämie, Gelenk- oder Knochenschmerzen, Magen-Darm-Beschwerden.

Können wir als Gesellschaft so ein System noch befürworten, das kriegsähnliche Auswirkungen auf Frauen, jedoch keinen gesellschaftlichen Nutzen hat?  

Seit 25 Jahren legitimiert der deutsche Staat Männern einen Zugang zu Frauenkörper. Es prägt die Wahrnehmung, Sprache und den Umgang mit Grenzen. In so einem Kontext wird nicht Respekt gelernt, sondern Verfügbarkeit. Zustimmung ist verhandelbar, Konsens käuflich. Das fördert die männliche Herrschaft über Frauen. Die Gleichstellung der Geschlechter ist dadurch nicht möglich.

Durch legalen Sexkauf steigt die Gewalt gegen Frauen auch gesamtgesellschaftlich. So weist Nevada in den USA, als einziger Staat, der Prostitution und Sexkauf seit über 40 Jahren legalisiert, die höchsten Werte auf, wenn es um Gewalt gegen Frauen geht.

Prostitution hat auch verheerende Auswirkungen auf die betrogenen Frauen. Täglich gehen ca. 1,2 Millionen Männer jeden Tag zu Prostituierten in Deutschland. Geht man davon aus, dass es natürlich nicht immer die gleichen Sexkäufer sind, und davon, dass es eine große Anzahl verheirateter oder in einer eigentlich festen Beziehung lebender Freier ist, liegt alleine die Zahl der betroffenen betrogenen und bei Aufdeckung entsprechend seelisch verletzten Frauen sicherlich ohne Übertreibung im zweistelligen Millionenbereich.

Aus der Perspektive der Psychotraumatologie ist Prostitution kein Job wie jeder andere, da Prostitution hochtraumatisierend ist und nur in einem Zustand der Dissoziation praktiziert werden kann. Die erogenen und reproduktiven Körperteile von Frauen sind zu empfindsam, um als Werkzeug vergegenständlicht zu werden. Natürliche Phänomene, wie Angst, Scham, Ekel, Schmerzen, müssen „abgeschaltet“ werden.

Eine Vortraumatisierung, wo Gewalt als Beziehungsmuster erlernt wird, kann auch ein Grund für den Einstieg in die Prostitution sein. Auch hier haben viele Studien einen Zusammenhang zwischen dem Eintritt in die Prostitution und Gewalterfahrungen in der Kindheit festgestellt. Hier nur ein paar davon: In der Studie vom Bundesministerium aus dem Jahr 2004 haben 73% der Frauen körperliche Gewalt in der Kindheit erlebt. In der Studie „9-Countries“ von Farley haben 65 bis 95% der Frauen sexuelle Gewalt in der Kindheit erlebt, in der aktuellen Studie aus Frankreich haben 95% der Befragten Gewalt vor dem Einstieg in die Prostitution erlebt. Diese Gewalt hat einen systematischen und kumulativen Charakter: Vergewaltigungen oder Inzest durch ein Familienmitglied, psychische Misshandlung, körperliche Gewalt, verlassene oder verwaiste Kinder, Genitalverstümmelung, u.a. In der Prostitution befinden sich zum großen Teil die Kinder, die damals im Stich gelassen wurden und die nun ein zweites Mal in der Prostitution im Stich gelassen werden. Die Prostitution ist in diesem Falle eine Fortsetzung der Gewalt im Leben dieser Frauen. Das System Prostitution benutzt diese Traumatisierungen für ihre eigenen Interessen und Profite.

In meine Praxis kamen auch Frauen, die sagten, dass sie Prostitution zunächst einmal als eine Aufwertung erlebt hätten. Sie sagen mir, dass sie nun wenigstens dafür bezahlt wurden im Gegensatz zu dem, was sie früher als Kind erleben mussten. Es bedarf einer Therapie, so dass die Betroffenen diese Trauma-Muster erkennen und den Teufelskreis der Gewalt und Selbstverletzung auflösen.

Ellen Templin, die ein Domina-Studio in Berlin betrieb, sagte Folgendes in einem Interview: „Es gibt keine freiwillige Prostitution. Eine Frau, die sich prostituiert, hat Gründe dafür. In erster Linie seelische. Hier im Studio sind alle in ihrer Kindheit missbraucht worden. Alle.“

Auch Rosen Hicher, die mit 31 Jahren in die Prostitution ging, sagt: „Es schien mir eine völlig natürliche Sache zu sein, was ich da tat. Ich wusste genau, wo ich hingehe. Und es schien mir, völlig normal zu sein, dort zu bleiben. Ich werde nie den ersten Satz einer Prostituierten vergessen, die mir gleich am ersten Tag sagte: ‘Dann hast du das schon dein ganzes Leben gemacht.‘ Tatsächlich bin ich als Kind von meinem Onkel sexuell missbraucht worden. Mein Vater war Alkoholiker und extrem gewalttätig. Ich war also von meiner Kindheit an Gewalt durch Männer gewöhnt.“

Viele denken, dass Opfer von Menschenhandel ausschließlich durch körperliche Gewalt in der Zwangsprostitution gehalten werden. Dieses Bild entspricht meistens nicht der Realität, da viele Frauen durch traumatische Bindungen in die Prostitution geraten, dort ausgebeutet und gehalten werden. Es kann die eigene Familie sein, der eigene Partner, ein „Freund“, der sie täuscht, indem er eine bessere Zukunft im Ausland verspricht. Es kann auch über die Loverboy-Masche geschehen. Diese Bindungen sind hoch traumatisch, da der Täter gezielt den Selbstwert der Betroffenen zerstört, das Opfer isoliert und eine pathologische Abhängigkeit zu ihm herstellt. Solch eine traumatische Bindung wird durch systematischen emotionalen Missbrauch durch den Täter erzeugt.

Diese Frauen erleben den ersten Freier als hoch traumatisierend. Sie beschreiben es wie eine Vergewaltigung. Danach setzen Trauma-Mechanismen ein, die bei Vergewaltigungen häufig auch zu beobachten sind. Ihre Fähigkeit, sich zu wehren, wird gebrochen. Das ist den Zuhältern und Menschenhändlern bewusst. Es ist auch eine Strategie, um die Frauen gefügig zu machen und sie seelisch zu brechen.

Um die körperlichen und seelischen Schmerzen in der Prostitution ertragen zu können, müssen Überlebensmechanismen entwickelt werden: Täterbindung, Dissoziation, Abspaltung, Selbstabwertung, Selbstbetrug, Sucht, etc. Es sind nämlich meistens mentale Ketten, die sich hinter Menschenhandel und Zwangsprostitution verbergen. Auch wenn sie sich vom Täter lösen, sind es die Angst und ein zerbrochener Selbstwert, die die Frauen in der Prostitution halten.

Wissen Freier, ob die Frauen Opfer von Menschenhändlern sind? Ja, in der Freierstudie gaben 55% der deutschen Sexkäufer zu, einen Zuhälter oder Menschenhändler beobachtet zu haben. Zum Beispiel: „Als ein Mann reinkam, hatten die Frauen auf einmal Angst. Man konnte es in ihren Augen sehen.“ – „Es gab einen, der eine seiner Frauen wirklich zusammengeschlagen hat. Wirklich heftig. Zwei oder dreimal mit der Faust ins Gesicht und sie gegen eine Wand geworfen hat.“ – „Die haben Fingernägel abgezogen bekommen, wenn die Frau nicht bezahlt hat, haben sie ihnen die Drogen abgenommen oder die Frauen krankenhausreif geschlagen. Die Frauen hatten Angst und haben nie was gesagt. Die hatte Nasenbluten, etc.“

In einer neuen Doku über Prostitution mit Sarah Tacke sagt eine Polizistin, dass die meisten Frauen im Rotlicht Opfer von Loverboys sind. Vor zehn Jahren hätte die Polizei nicht so eine Einschätzung gegeben, obwohl es damals mit Sicherheit nicht weniger dieser Opfer gab. Die jahrzehntelangen Aufklärungsarbeiten von Betroffenen, wie Sandra Norak, über die Loverboy-Masche, sowie Psychotherapeuten, wie mich, über die Traumata in der Prostitution, scheinen Früchte zu tragen. Denn wenn man ein Phänomen erklärt und benennt, wird es erst sichtbar.

Das Patriarchat will aber die Gewalt gegen Frauen unsichtbar halten, sie normalisieren und sie gesellschaftsfähig machen, so dass die Frauen selbst nicht mehr erkennen, dass sie Opfer von männlicher Gewalt sind und von sich aus „Ja“ zu dieser Gewalt sagen.

In einem Leitfaden des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, wird Prostituierten geraten, bei Analverkehr „mit Analplugs den Enddarm vorsichtig nach und nach zu weiten, um Verletzungen und Fissuren zu vermeiden.“ Hier werden Frauen nicht vor Gewalt gewarnt, sondern Gewalt wird verharmlost und legitimiert. Und das ist auch kein Ausrutscher. Das hat seit 25 Jahren System in der deutschen Prostitutionspolitik. Man hat schwer daran gearbeitet, diese Gewalt zu normalisieren und Prostitution als reguläre Dienstleistung zu betrachten. Viele Frauen sind so in die Prostitution abgerutscht, aus der sie nur schwer wieder rauskamen und -kommen. Die Bundesregierung trägt eine große Mitverantwortung an diesem immensen Leid und sie verdient sogar noch daran!

Als 2022 viele ukrainische Frauen nach Deutschland flohen, boten Beratungsstellen ihnen in Berlin einen Einstieg in die Prostitution an. Sie verteilten an die geflüchteten Frauen Flyer auf Ukrainisch. Ich rief die Kriminalpolizei in Berlin an und unterrichtete sie darüber. Das Ergebnis war, dass es sich um staatlich finanzierte Beratungsstellen handele und Prostitution legal in Deutschland sei. Alles nahm seinen Lauf. Heute berichten Sozialarbeiterinnen in Berlin, dass jede zweite Frau in der Prostitution eine geflüchtete ukrainische Frau ist, was vor dem Krieg nicht der Fall war. Auch Kriegsflüchtlinge, die der Prostitution nachgehen, werden als „freiwillig“ eingeordnet. Wo bleibt die Empörung unserer Politikerinnen? Warum bleibt sie aus? Die Welt empört sich über uns! Warum bleibt eine Korrektur dieser fehlgeleiteten Politik aus?

Es gibt ein Kapitel der NS-Verbrechen, das wir bis heute in unserem Versprechen „Nie wieder“ nicht aufgenommen haben: Sexuelle Gewalt an Jüdinnen war nämlich Bestandteil des Holocaust. Jüdische Frauen mussten sich vor SS-Männern nackt ausziehen, wurden nackt fotografiert, begrabscht, vergewaltigt, nackt durch die Straßen gejagt. Es gab KZ-Bordelle, wo inhaftierte Frauen „arbeiteten“. Sexualisierte Kriegsgewalt führten auch deutsche Soldaten während des Eroberungskrieges aus: in Polen, Rumänien, in der Ukraine u.a. Diese Frauen galten als „Untermenschen“. Einen wichtigen Teil der NS-Täterschaft haben wir anscheinend komplett ausgeblendet, da wir es zulassen, dass sich wieder deutsche Männer massenhaft an vulnerablen Frauen aus dem Osten sexuell vergreifen. Unsere Erinnerungsarbeit ist mangelhaft!

Seit 2022 kommen auch jüdische Frauen nach Deutschland, um dem Krieg in der Ukraine zu entfliehen. Ich hatte eine jüdische Frau in Therapie, die durch einen Loverboy in die Prostitution geriet. Sie kam in eine Sitzung mit einem traumatischen Bild, das sie überwinden wollte: als sie von ihrem Zuhälter verprügelt wurde. Ich fragte sie, warum gerade dieses Bild? Sie sagte, weil er es im Beisein seiner Freunde tat, die nicht aus dem Milieu waren. „Sie haben es gesehen und haben mir nicht geholfen.“

Und das macht es für die Opfer schwieriger, ihr Trauma zu integrieren, da die Gewalt, die sie in der Prostitution erlebt haben, von der Gesellschaft nicht gesehen wird und sie als Opfer dieser Gewalt auch nicht anerkannt werden. Freier werden in Deutschland nicht als Täter gesehen. Sie sind es aber!

„Erst wenn die Wahrheit anerkannt ist, kann die Genesung des Opfers beginnen.“ Die Einführung des Nordischen Modells mit der Freierbestrafung wird auch den Opfern helfen, ihr Trauma zu verarbeiten, da die Täter durch ein Sexkaufverbot benannt werden und die Scham und Schuld nicht mehr nur den Opfern zugeschoben wird.

Die Großmutter meiner Klientin hat den Holocaust überlebt. Sie – die einzige Enkelin dieser Holocaust-Überlebenden – suchte in Deutschland Sicherheit und erlebte sexuelle Ausbeutung in legalen deutschen Bordellen. Sie beschreibt Prostitution mit folgenden Worten: „Prostitution ist das Gegenteil von Freiheit. Sie ist nicht freiwillig. Wenn man diesen Weg wählt, weil man in Not ist, dann ist er nicht freiwillig. Es ist nichts Freiwilliges daran. Es ist eine letzte Chance. Es ist jedes Mal eine Vergewaltigung.“

Deutschland trägt eine historische Verantwortung in der Entwicklung einer Sexindustrie, die täglich tausende Opfer sexueller Ausbeutung verursacht. Der deutsche Staat verstößt somit gegen sein eigenes Grundgesetz und ignoriert im hohen Maße Europäische Empfehlungen, die effektiv gegen Menschenhandel und Gewalt an Frauen wirken. Vor dem Hintergrund dieses politischen Versagens brauchen wir einen sofortigen Kurswechsel durch die Einführung des Nordischen Modells.

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