Rede vor der Bundeskunsthalle in Bonn

Ich wurde von der Kommission eingeladen eine Stellungnahme zu schreiben. Gestern fand die Anhörung statt. 5 weitere „ExpertInnen“ wurde zu der gleichen Frage auch befragt. Wir hatten 5 Minuten um die Kernpunkte unserer Stellungnahme zu formulieren und dann gab es Fragen von der Kommission. All diese „Expertinnen und Experten“ sprachen nur von „Sexarbeit“. ALLE! Es war auch schwer auszuhalten die Thesen dieser „Experten“ sich anzuhören. Als wäre die Zeit stehen geblieben. Als würden wir uns noch im Jahr 2005 befinden, nach der ersten Evaluation des Gesetzes! Das Nordische Modell wurde von niemanden in Erwägung gezogen. Ganz im Gegenteil. Wulf Rössler meinte, dass der legale Rahmen keine entscheidende Rolle für die psychische Gesundheit der Frauen spielen würde. Entscheidend sei der Arbeitsrahmen. Er hob den „Escort-Service“ hoch. Er hat auch einige der Prostitution-Mythen in dieser Runde verbreitet: Mit dem NM würde alles in den Untergrund rutschen, die Frauen leiden unter der Stigmatisierung, etc.

Ein Polizist, der zu dieser Frage als Experte auch eingeladen wurde, meinte, dass es überhaupt keinen kausalen Zusammenhang zwischen Prostitution und psychischen Störungen gebe. Es seien andere Faktoren, die eine Rolle spielen würden: Diskriminierung, Wohnungslosigkeit, Substanzkonsum,…

Es sprachen noch drei Frauen, eine Psychiaterin, eine Psychologische Psychotherapeutin und eine Gynäkologin. Auch sie benutzten das Wort „Sexarbeit“. Sie bestätigten zwar, dass die psychischen Belastungen in der „Sexarbeit“ erhöht seien und wiesen daraufhin, dass die Hilfsangebote nicht ausreichen würden. Ein Systemwechsel haben sie jedoch nicht angesprochen. Es fehle an Forschung und Studien, meinte eine. Man könne weitere Forschungen betreiben, erwiderte ich, es gäbe aber schon genügend und alle Fakten liegen auf dem Tisch. Jetzt ist die Zeit gekommen zu handeln.

Ich war von der Anhörung völlig schockiert! Zum Schluss wurde ich auch sehr deutlich und widerspiegelte ihnen meinen Eindruck: Ich erlebte sie alle als völlig abgespalten von dem Leid der Frauen in der Prostitution. Sie befanden sich weiterhin in der Verleugnung der Realitäten und der Gewalt in der Prostitution sowie dem Erleben der betroffenen Frauen. Und sie sprachen über diese Frauen in einer Sprache, die entmenschlicht: „Studien, Kontrollgruppe, repräsentative Studie, etc.“

Das Patriarchat will die Gewalt gegen Frauen unsichtbar halten, sie normalisieren und sie gesellschaftsfähig machen, so dass die Frauen selbst nicht mehr erkennen, dass sie Opfer von männlicher Gewalt sind und von sich aus „Ja“ zu dieser Gewalt sagen. Das wurde während dieser Anhörung überdeutlich.

In einem Leitfaden des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, wird Prostituierten geraten, bei Analverkehr „mit Analplugs den Enddarm vorsichtig nach und nach zu weiten, um Verletzungen und Fissuren zu vermeiden.“ Hier werden Frauen nicht vor Gewalt gewarnt, sondern Gewalt wird verharmlost und legitimiert. Und das ist auch kein Ausrutscher. Das hat seit 25 Jahren System in der deutschen Prostitutionspolitik. Diese Ausstellung hier, die Prostitution auch verharmlost, und die wir sogar als Steuerzahler finanzieren, ist auch kein Ausrutscher. Sie ist gewollt. Man will ein falsches Bild von Prostitution verbreiten. Wofür? Man will Männern weiterhin einen legalen Zugang zu Frauenkörpern garantieren. Man arbeitet weiterhin schwer daran, diese Gewalt zu normalisieren und Prostitution als reguläre Dienstleistung zu betrachten. Viele Frauen sind so in die Prostitution abgerutscht, aus der sie nur schwer wieder rauskamen und -kommen.

Die Bundesregierung trägt eine große Mitverantwortung an diesem immensen Leid und Verbrechen gegen vulnerabelsten Frauen. Und das tragische, ist, es scheint ihr egal zu sein! Sie verdient sogar noch daran! Der Widerstand zum Nordischen Modell ist weiterhin bombenhart.

Von dieser Kommission ist nichts zu erwarten. Ich war ein kompletter Außenseiter in dieser Anhörung. Eine Frau der Kommission nickte den Thesen der zwei Männer in der Runde zu. Es ist verlorene Zeit, verlorenes Geld auf Kosten der vulnerabelsten Frauen, die für diese Apathie büßen müssen.

Ich sagte ihnen zum Schluss noch, dass sie unsere Demokratie mit ihrer Haltung gefährden. Wenn die Regierung nicht in der Lage ist, Fehlentwicklungen zu korrigieren, 25 Jahre die Mythen über Prostitution rezitieren und Satire-Shows nur noch Spott über diese Unfähigkeit übrig hat, dann ist unsere Demokratie in Gefahr!

Dr. Ingeborg Kraus

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