Prostitution und Gesundheit

Ein Beitrag von Dr. Ingeborg Kraus – März 2018.

Die »freiwillige« Entscheidung in die Prostitution zu gehen setzt gewisse Bedingungen voraus. Sich prostituierende Frauen, die meine Praxis aufgesucht haben, wiesen alle eine Geschichte von mangelndem Schutz in ihrer Kindheit auf und, daraus folgend, mangelndem Selbstschutz. Diese Frauen haben sehr früh gelernt, sich »abzuschalten«. Es gibt zahlreiche Studien, die diesen Zusammenhang zwischen Gewalterfahrungen in der Kindheit und Prostitution aufzeigen.

Gewalt in der Prostitution hat viele Gesichter 

In einer bundesweiten Studie aus dem Jahr 2004 zur Gewaltbetroffenheit von Frauen waren unter den insgesamt 10.000 befragten Frauen 110 Prostituierte. 82 Prozent dieser Frauen nannten Formen von psychischer Gewalt, 92 Prozent hatten sexuelle Belästigung, 87 Prozent hatten körperliche Gewalt und 59 Prozent hatten sexuelle Gewalt erlebt. Eine zweite Studie aus dem Jahr 2001 von Zumbeck mit 54 Prostituierten ergab, dass alle Frauen Traumata erlitten hatten. 70 Prozent waren körperlich angegriffen und 68 Prozent vergewaltigt worden. 65 Prozent der Frauen wurden bereits in ihrer Kindheit körperlich und 50 Prozent sexuell misshandelt.

Bedingungen in verschiedenen Formen der Prostitution

Es fängt mit einer leichten Bekleidung in der Kälte an oder auch mit völligem Nacktsein: In der Straßenprostitution herrschen mangelnde Hygienezustände, kein Schutz, keine Sicherheit, Dunkelheit. Diese Frauen sind den Blicken der Sexkäufer und Passanten ausgesetzt, die taxieren, abwerten und beschimpfen. In den Bordellen unterliegen die Frauen zuerst einmal »dem Weisungsrecht der Bordellbetreiber, was bedeutet, dass der Kontakt zur Außenwelt streng reglementiert ist. Sie sind, wie es Manfred Paulus beschreibt, von Anfang an Gefangene dieser in weiten Teilen kriminellen Subkulturen im Rotlicht. Sie sind entrechtet, wehrlos, hiflos ausgeliefert.« Die Arbeitszeiten sind psychisch gesundheitsgefährdend: Die Frauen müssen ständig für Kunden »parat« sein und schlafen daher maximal 5 Stunden pro Nacht. Viele Frauen werden von einem Bordell zum anderen verfrachtet, um den Sexkäufern Abwechslung zu bieten. Oft wissen sie gar nicht, wo sie sich befinden. Sie stehen den Männern in einem völlig asymmetrischen Machtverhältnis gegenüber. Die Sozialarbeiterin Sabine Constabel betont, dass ca. 90 Prozent der Frauen in der Prostitution aus den ärmeren osteuropäischen EU-Ländern kommen. Circa 30 Prozent sind unter 21 Jahre alt, viele sprechen kaum Deutsch. Daher können sie keine Grenzen setzen, nicht verhandeln. Aber auch in der sogenannten Luxus-Prostitution findet Gewalt statt, wie die deutsche Prostitutions-Überlebende Marie beschreibt: »Der Respekt, den Männer mir entgegenbrachten, war nicht der Respekt vor mir, sondern vor dem Schein, in den sie investiert hatten. Um in der Prostitution zu arbeiten, um die Gerüche fremder Männer zu ertragen und ihre Haut am eigenen Körper zu fühlen, muss eine Frau alle Grenzen überwinden. Ich habe dabei noch nicht einmal die schlimmste Art von Prostitution erlebt, aber dieses Leben hat mich auch noch dann, als ich schon wieder ausgestiegen war, eingeholt und ist wie eine Welle über mir zusammengeschlagen.«

Sexpraktiken als Gesundheitsrisiko

Die Nachfrage nach perversen und gefährlichen Praktiken ist seit der Legalisierung gestiegen. In vielen Freierforen brüsten sich Männer, wie sie die Prostituierte »rangenommen« haben und bewerten sie. Von AFF = Analer Faust Fick (die ganze Hand im Hintereingang) über GB = Gesichtsbesamung bis hin zu FP = Französisch pur (Blasen ohne Gummi) und Nsp = Natursekt passiv (Frau lässt sich anpinkeln) ist alles vertreten. Durch diese riskanten Sexpraktiken sind die Infektionsraten gestiegen. Eine Studie von Dr. Anna Wol aus dem Jahr 2008 gibt einen Überblick über den Gesundheitszustand mit Schwerpunkt auf sexuell übertragbaren Krankheiten: Von 110 Prostituierten in Lübeck hatten 26 Prozent eine behandlungsbedürftige sexuell übertragbare Infektion. 42 Prozent der Frauen waren von einer akuten Infektion oder einer Infektion, die stattgefunden hatte, betroffen.

Psychische und körperliche Schäden durch die Prostitution

Es gibt in Deutschland keine Gesundheitskontrolle und Vorsorge für Frauen in der Prostitution. Deshalb existieren auch kaum entsprechende Daten. Die Studie von Zumbeck hat aber herausgefunden, dass 60 Prozent der Frauen in der Prostitution eine voll ausgeprägte Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) entwickelt hatten. Die Studie von Schröttle und Müller aus dem Jahr 2004 zeigt zudem einen hohen Medikamentenkonsum von Frauen in der Prostitution: 67 Prozent der Frauen nehmen Schmerzmittel ein, 38 Prozent Beruhigungsmittel. Sexualität erfordert ein Zusammenspiel von Geist und Körper. Um fremden Menschen die Penetration des eigenen Körpers zu ermöglichen, die man unter anderen Umständen ablehnen würde, ist ein Abschalten natürlicher Funktionen erforderlich, die sonst unweigerlich wären: Angst, Scham, Fremdheit, Ekel, Verachtung, Schmerzen. Dieses Abschalten ist ein Phänomen, das man Dissoziation nennt. Alkohol und Drogen helfen zusätzlich, den seelischen Schmerz zu ertragen. Ein erst kürzlich erstellter Bericht des Gynäkologen Dr. Wolfgang Heide stellt fest, dass die gesundheitliche Situation der Frauen in der Prostitution verheerend ist: Mit 30 sind die Frauen schon vorgealtert, was ein Symptom von extremem und ständigem Stress ist. Alle Frauen leiden unter permanenten Bauchschmerzen, Gastritis und ständigen Infektionen durch die ungesunden Lebensverhältnisse.

Profiteure der Zustände

All das geschieht, um ein stark tabuisiertes Thema zu schützen: die männliche Sexualität und das ihr widerspruchslos zugestandene Recht auf uneingeschränkte Entfaltung. Prostitution ist Ausdruck sexualisierter Macht und spiegelt ein Frau- Mann-Verhältnis wider, das so nicht mehr akzeptiert ist. Gesellschaftlich betrachtet ist es eine kollektive Entwürdigung von Frauen, die durch die Gesetze von 2002 und 2016 legitimiert wird. Dadurch ist Deutschland ein Eldorado für Zuhälter, Bordellbetreiber und Menschenhändler, deren schwindelerregende Gewinne in Schutz genommen werden.

Literatur bei der Verfasserin Dr. Ingeborg Kraus, Initiative „Trauma and Prostitution“, http://www.trauma-and-prostitution.eu/, Praxis für Erwachsenentherapie, Amalienstraße 47, 76133 Karlsruhe, E-Mail: dr.ingeborg.kraus@me.com

Dieser Artikel erschien in der Ausgabe 98 im 1. Quartal 2018 in der Zeitschrift „Impulse“ (Seite 10) der LVGundAFS. Hier der Link: Impu!se 

Der Artikel wird ebenfalls in Verbandszeitschrift der deutschen Gesellschaft für Verhaltenstherapie (VPP 3/2018) abgedruckt und auf ihrer Homepage veröffentlicht.

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