Stoppt sofort die Tötung des Wolfes „Grindi“!

Staatsministerium Baden-Württemberg

Frau Umweltministerin Walker,

Herrn Ministerpräsident Kretschmann,

Herrn Ministerpräsidentenkandidat Özdemir

Richard-Wagner-Straße 15

70184 Stuttgart

Karlsruhe, 21.02.2026.

Sehr geehrte Frau Umweltministerin Walker, sehr geehrter Herr Ministerpräsident Kretschmann, sehr geehrter Herr Ministerpräsidentenkandidat Özdemir,

vorab: ich erlaube mir, Euch zu duzen, da ich seit über 20 Jahren Mitglied der Grünen bin. Ich habe vor 20 Jahren aktiv Wahlkampf für die Grünen betrieben. Ich habe an Ständen, auch im Regen, gestanden, um Menschen von der Grünen Partei zu überzeugen und die Grünen nach vorne zu bringen. Damals hatten wir noch kein Geld, um professionelle Kampagnen zu finanzieren. Die Wahlkampfplakate hatte ich noch selbst auf Pappen geklebt und aufgehängt. Ich hatte gejubelt, als die Grünen an die Macht kamen.

Eure aktuelle Politik im Fall des Wolfes „Grindi“ enttäuscht mich sehr. Ich empfinde es als einen Verrat an alle Werte, für die die Grüne Partei überhaupt entstanden ist und für die ich damals für die Grünen auf die Straße ging.

Leider muss ich Euch sagen, dass Eure Entscheidung, den Wolf zu töten, nicht auf wissenschaftlicher Basis entstanden sein kann. Anscheinend wurde die Entscheidung auf Rat von nur einer Organisation gefällt, und zwar dem Institut Lupus, das angeblich wenig reale Erfahrung mit dem Verhalten von Wölfen mitbringt und überhaupt nicht im Schwarzwald tätig ist. Viele andere Wolf-Expertinnen und Experten wurden für diese Entscheidung überhaupt nicht konsultiert, wie diese folgenden:

  • Die Leitung des Wolf- und Bärenpark Schwarzwald, die klipp und klar sagt, dass hier nicht alle Maßnahme ausgenutzt wurden und die Entscheidung, „Grindi“ zu töten, verfrüht ist.
  • Die Naturschutzinitiative e.V., die gegen Eure Entscheidung geklagt hat und diesen Fall bis zum Europäischen Gerichtshof bringen möchte. Sie sehen in der Tötung von „Grindi“ einen Verstoß gegen den Artenschutz und den Erhalt des Bestandes. Der Biologe Dr. Epple, wissenschaftlicher Beirat von NI, sieht in dem Verhalten von „Grindi“ keine Gefahr für Menschen, sondern eher ein Anzeichen eines Verhaltens, das er als „Nationalpark-Vertrautheit“ bezeichnet. So belegen die 180 Sichtungen das Gegenteil eines gefährlichen Verhaltens. Der Wolf habe nie ein aggressives Verhalten an den Tag gelegt und er bleibe scheu, so NI. Der Wolf ist demnach also nicht „fehlkonditioniert“.
  • Die Organisation Wolfschutz Deutschland wurde auch nicht konsultiert. Sie widerspricht der Theorie, dass „Grindi“ durch einen angeblichen „Wolfstourismus“ zu einer Gefahr geworden sei. Auch sie sieht in dem Verhalten des Wolfes keine Gefahr für Menschen. Bei einer zufälligen Sichtung des Wolfes konnte die Leiterin der Organisation feststellen, dass „Grindi“ scheu bleibt. Sie sieht die Chance einer friedlichen Koexistenz statt der Notwendigkeit einer Vergrämung.
  • Auch der „Anwalt der Wölfe“, Herr Christian Berge, wurde nicht konsultiert. Er bringt 20 Jahre Erfahrungen mit Wölfen mit und kann über den Wolf „Romeo“ berichten, der mit seinen Hunden gespielt hat und nie gefährlich wurde. Manche Wölfe verhalten sich anders. Aber anders sein, muss nicht automatisch als Gefahr gedeutet werden.
  • Auch die Naturjournalistin Martina Zöllner wurde nicht konsultiert, die die komplexen Hintergründe eines Wolfsverhaltens beleuchtet, die in solchen Tötungsurteilen zu kurz kommen.
  • Es gibt noch sehr viele weitere Organisationen und Expertinnen, die von Euch nicht konsultiert und nicht angehört wurden, die andere Wege als Lösung sehen als die Tötung von „Grindi“, wie der Freundeskreis freilebender Wölfe e.V., die TaskForce Artenschutz und viele Tierschutzorganisationen und Experten aus der Region.

Ich frage mich, was Ihr eigentlich mit der Tötung dieses Wolfes erreichen wollt! Es scheint Euch nämlich hier nicht um eine gute Lösung für den Wolf und die Region zu gehen, sondern um etwas ganz Anderes.

Könnte es sein, dass Ihr mit der Tötung des Wolfes „Grindi“ für den Wahlkampf Stärke zeigen wollt? Ist dieser Wolf für Euch ein Symbol geworden, um den Bürgerinnen zu zeigen, dass Ihr „hart durchgreifen“ könnt? Hofft Ihr, damit so im Wahlkampf zu punkten?

Stark ist aber nicht derjenige, der sich rücksichtslos verhält. Stark ist auch nicht derjenige, der zeigt, dass ihm die Belange der Bürger egal sind. Stark ist nicht der, der seine Macht mit dem Gewehr demonstriert – und schon lange nicht der, der keine Emotionen hat!

Ich schreibe Euch auch als Expertin in Traumatherapie und Verhaltenstherapie. Ich konnte nämlich beobachten, dass Menschen aus der Region eine vertrauenswürdige Beziehung zu „Grindi“ entwickelt haben. Die Tötung dieses Wolfes wäre ein schwerer Verlust für eine ganze Region.

Ich selbst lebe in der Nähe und bewandere diesen Nationalpark seit meiner Kindheit.
Am 3. Januar bin ich auch zufällig „Grindi“ begegnet. Ich hatte keine Angst, weil der Wolf sehr friedlich war. Er ist neugierig. Neugier ist aber keine Verhaltensauffälligkeit, sondern etwas ganz Normales bei Tieren. Und auch ich kann bestätigen, dass er scheu bleibt: sogar während der Paarungszeit der Wölfe, als ich meine Hündin dabeihatte. Dies kann ein Grund für eine Wolf sein, sich aus Neugier anzunähern. Aber „Grindi“ blieb auf Abstand.

Prinzipiell birgt jede Begegnung mit einem Wildtier eine potenzielle Gefahr. Aber wenn man so pauschal argumentiert – und das ist die Argumentation Eures Ministeriums und der
Gerichte –, müsste man alle Haie im Meer umbringen, alle Giftschlangen, alle Wildschweine usw. und damit alles, was eine Gefahr für den Menschen werden könnte. Sehen so Natur- und Wildtierschutz aus? Nein! Wir müssen alle mit einem gewissen Rest-Risiko leben. Das ist so. Überall: im Straßenverkehr, im Flugzeug, in der Bahn und sogar im Kontakt mit anderen Menschen.

Aber wenn man vergleicht, was im Wald für Bürger:innen  wirklich gefährlich ist, dann sind es definitiv nicht Wölfe, sondern Jäger. Es gibt permanent Jagdunfälle. Entweder schießen sie Hunde ab, schießen auf Spaziergänger, auf sich selbst oder fallen von Hochsitzen runter. Die Zahlen der Jagdunfälle sind immens: jährlich rund 450 nur in Deutschland. Schon im Januar 2026 hat ein Jäger (in Deutschland) auf eine Frau geschossen. Sie wurde schwer verletzt ins Krankenhaus eingeliefert. Er hatte sie mit einem Wildschwein verwechselt! Wo bleibt hier der Aufschrei Eures Ministeriums? Im selben Monat erschoss ein Jäger einen Hund, der nur 5 Meter vor seinem Besitzer lief. Der Hund wurde vom Jäger mit einem Fuchs verwechselt!

Mitte Januar las ich in der BNN, dass auch eine Familie mit Kindern den Wolf sah. Was soll man den Kindern sagen, wenn man diesen Wolf nun erschießt? Die Erwachsenen haben so entschieden? Oder sollte man ihnen verschweigen, wie brutal Erwachsene hier vorgehen? Das würde ich machen. Ich würde meinen Kindern nicht sagen, dass Erwachsene entschieden haben, den Wolf zu töten, der ihnen so friedlich begegnet war. Ich würde sie anlügen und ihnen sagen, dass der Wolf lebt, weil alles andere für Kinder zu schmerzhaft wäre und sie es nicht verstehen könnten.

Als ich das erste Mal erfuhr, dass das Ministerium entschied, den Wolf töten zu lassen, war ich schockiert. Ich war auch von einem Gefühlschaos geplagt: Trauer, Wut, Angst um den Wolf, Hilflosigkeit. Diese Entscheidung verstörte mich. In der Nacht träumte ich von „Grindi“: Ich wollte ihn retten.

In der Realität bin ich damit nicht allein! Denn ich konnte beobachten, dass viele Menschen aus der Region sich für sein Leben einsetzten – und sie werden sich weiter für das Leben des Wolfes einsetzen. Denn sie wollen nicht, dass er getötet wird. Es gab mehrere Petitionen, mehrere Klagen, mehrere Mahnwachen, die Skibetreiber haben sich zu Wort gemeldet und bescheinigten „Grindi“ ein vorbildliches Verhalten. Es gab viele Einzelaussagen, Briefe, offene Briefe, die Medien berichteten darüber und die Kommentare unter den Artikeln waren mit großer Mehrheit solidarisch mit dem Wolf und verurteilten seine Tötung: zu Tausenden! Jetzt versuchen Bürgerinnen und Wolfsfreunden, den Wolf zu retten, indem sie durch sein Gebiet spazieren gehen und ihn in den tiefen Wald verscheuchen, so dass die Jäger ihn nicht kriegen.

All das zeigt, dass viele Menschen ähnlich empfinden wie ich. Wir haben hier alle einen liebevollen Bezug zu diesem Wolf entwickelt. Er ist Teil unserer regionalen Identität geworden, zu einer Art Familienmitglied. Ich bin der festen Überzeugung, dass die Tötung von „Grindi“ für die ganze Region ein schwerer Verlust wäre.

Momentan scheinen Euch all diese Stimmen, all dieser Widerstand scheißegal zu sein. Ihr entscheidet in Stuttgart für eine Region, ohne die Expertise, die Meinungen und Bedürfnisse der Menschen aus dieser Region miteinzuziehen und schickt ein Sonder-Tötungskommando zu uns! Geht‘s noch? – Nein, so geht das nicht!

Denn in einer Demokratie dient die gewählte Regierung den Bürgern und Steuerzahlenden, den Menschen unseres Landes in deren Auftrag und auf deren Rechnung Ihr Eure Arbeit leisten müsst.

Ich empfinde Euer Verhalten als Ausdruck einer Arroganz der Macht, die keine Rücksicht auf Mensch und Natur nimmt. Und es ist gerade diese Form des Machtmissbrauchs, weshalb sich die Grüne Partei überhaupt gebildet hat.

Deshalb bitte ich Euch: Stoppt sofort die Tötung des Wolfes „Grindi“ – nicht nur als einen vernünftigen Beitrag zum Natur- und Wildschutz, sondern auch als ein am Menschen orientiertes Politikum im Grünen ursprünglichen Sinne!

Mit Grünen feministischen Grüßen!

Ingeborg

Dr. Ingeborg Kraus

Diplom-Psychologin (ULP-Straßburg), Psychologische Psychotherapeutin (VT), Fachtherapeutin in Psychotraumatologie (DeGPT), Supervisorin (Universität Heidelberg – ZPP)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert