Tanja Rahm über Gewalt, Traumata und Dissoziation in der Prostitution

Rede von Tanja Rahm auf dem Kongress Stop Sexkauf, 4. bis 6. Dezember 2014 in München,  im Workshop „Traumata und Prostitution: Erfahrungen und Forderungen“.

Vor 10 Jahren wurde ich aus Frustration Therapeutin. Diese Frustration rührte aus meiner eigenen Erfahrung mit einer Psychologin, zu der ich ging nach einem zweiten sexuellen Übergriff, als ich 12 Jahre alt war. Diese Psychologin hatte keine Ahnung, was ich durchmachte. Diese Frau hatte an der Universität studiert. Sie hatte eine mindestens 7-jährige Ausbildung hinter sich. Und trotzdem hatte sie keine Ahnung, wie sie einem 12-jährigen Mädchen, welches von einem Mann in einem Hauseingang sexueller Gewalt ausgesetzt worden war, helfen konnte. Sie konnte mir fast nicht in die Augen sehen. Ich erinnere mich, dass ich da in ihrem Sofa saß, während sie sich Notizen machte. Ich fühlte mich unwohl dabei, so analysiert zu werden, um in das Schema zu passen, in welches ihre Ausbildung sie gelehrt hatte, mich hineinzupressen. Ich war nur ein paar Mal dort, denn es war eine Verschwendung des Geldes meiner Mutter. – Wenn es ihr gelungen wäre, mir zu helfen, dann hätte mein Leben anders verlaufen können.

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Studie von Melissa Farley zu Prostitution und Menschenhandel

Auf internationaler Ebene haben Melissa Farley u.a. bisher die einschlägigsten Ergebnisse veröffentlicht mit Daten aus neun verschiedenen Ländern (2004). Demnach zeigten zwei Drittel der untersuchten 854 Frauen in der Prostitution Symptome von PTBS (posttraumatischer Belastungsstörung), die in ihrer Deutlichkeit vergleichbar waren mit denen von therapiesuchenden Kriegsveteranen, Frauen, die in Frauenhäuser flohen, Überlebenden von Vergewaltigungen und Flüchtlingen, die staatlich sanktionierter Folter ausgesetzt waren. Die Intensität der traumaabhängigen Symptome hing von der Intensität der Prostitutionstätigkeit ab. Frauen mit mehreren Freiern berichteten von härteren körperlichen Symptomen. Je länger die Frauen in der Prostitution tätig waren, desto wahrscheinlicher war eine Infektion mit einer Geschlechtskrankheit.
Hier geht es zur Studie „Prostitution and Trafficking in Nine Countries: An Update on Violence and Posttraumatic Stress Disorder„. (PDF auf englischer Sprache).

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Menschenhandel, Prostitution und Ungleichheit: Ein öffentlicher Vortrag von Catharine MacKinnon

Catharine MacKinnon ist Professorin für Rechtswissenschaft, Anwältin und radikale Feministin. In ihrem Gastvortrag an der University of Chicago Law School spricht sie über die Folgen und die Bedeutung der systematischen Misshandlung von Frauen, über ihre Erfahrungen in Indien, das schwedische Modell und warum das Experiment der Legalisierung gescheitert ist.

Die Textversion ihres Vortrags (PDF- englische Sprache) finden sie hier.

Prostitution: Das Schwedische Modell

von Karlsruher Appell

Das schwedische Modell wird oft im Zusammenhang mit der Forderung nach einer Abschaffung der Prostitution erwähnt. In der ApuZ vom Februar 2013 erschien dazu ein Beitrag von Susanne Dodillet, der diesem Blogpost auszugsweise zugrunde liegt.

Das „Gesetz zum Verbot des Kaufs sexueller Dienste“ trat 1999 in Schweden in Kraft. Seitdem kann, „wer sich für eine Gegenleistung kurzzeitige sexuelle Verbin­dungen verschafft“, zu einer Geld­- oder Ge­fängnisstrafe verurteilt werden. Schweden war das erste Land, das den Kauf sexueller Dienstleistungen und damit die Freier bestrafte. Zwei Jahre später trat das deutsche ProstG in Kraft. Es befreite die Prostitution vom Stigma der Sittenwidrigkeit und wurde als „Schlag gegen Doppelmoral und für die Rechte von Prostituierten“ gefeiert. In Schweden bezeichnete man dies jedoch als Katastrophe.

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