Wissenschaftliche Studien zu Gewalt, Traumafolgestörungen und Vor-Traumatisierungen bei Menschen in der Prostitution

Ein Text von Ingeborg Kraus, Karlsruhe, den 19.8.2020. Hier der Text als PDF-Format: Prostitution- Ein Krieg gegen Frauen-pdf1

Prostitution kann nicht als ein Job wie jeder andere betrachtet werden, da sie traumatisierend ist. Zahlreiche Studien haben belegt, dass das Risiko in der Prostitution eine Posttraumatische Belastungsstörung zu entwickeln höher liegt als im Krieg gewesen zu sein.Aus der Perspektive der Psychotraumatologie ist Prostitution kein Job wie jeder andere. Michaela Huber, Vorsitzende der Deutsche Gesellschaft für Trauma und Dissoziation (DGTD)[1] sagt folgendes dazu: „Um fremden Menschen die Penetration des eigenen Körpers zu ermöglichen, ist ein Abschalten natürlicher Phänomene erforderlich, die sonst unweigerlich wären: Angst, Scham, Fremdheit, Ekel, Verachtung, Selbstverurteilung, Schmerzen. An die Stelle tritt Gleichgültigkeit, Verhandeln, ein sachliches Verständnis der Penetrationserfahrungen, Umdefinieren der Handlung in eine Arbeit oder Dienstleistung. Die meisten Frauen in der Prostitution haben bereits sehr früh durch sexuelle Gewalt in der Kindheit gelernt, sich abzuschalten“.[2] Fakt ist, dass viele Studien zu diesem Thema einen Zusammenhang zwischen dem Eintritt in die Prostitution und Gewalterfahrungen in der Kindheit[3] feststellen.

Das System Prostitution benutzt diese Traumatisierungen für ihre eigenen Interessen und Profite. Unter keinen Umständen kann Prostitution als Arbeit oder als eine Dienstleistung definiert werden. Die erogenen und reproduktiven Körperteile von Frauen sind zu empfindsam, um als Werkzeug vergegenständlicht zu werden. Prostitution kann nur in einem Zustand der Dissoziation praktiziert werden.

Hier ein paar Studien:

  • Eine Studie aus dem Jahr 2006 interviewte 72 Frauen in der Straßenprostitution im Raum Sydney in Australien. Die ForscherInnen Amanda Roxburgh, Louisa Degenhardt und Jan Copeland fanden heraus, dass alle Frauen, außer eine, multiple Traumata erlebt hatten und weiterhin erleben. Die Mehrheit hat Gewalt schon in der Kindheit erlebt: 75% haben sexuelle Gewalt vor ihrem 16. Lebensjahr erlebt, 26% hatten Gewalt vor ihrem 6. Lebensjahr erlebt. 47% erfüllten die Kriterien einer PTBS nach den DSM-IV Kriterien bei einer Lebenszeitprävalenz und 31% wiesen eine akute PTBS auf, was sehr hoch ist im Vergleich zur Australischen Bevölkerung, wo die Punktprävalenz der PTBS bei 3,3% liegt, oder bei Kriegsveteranen bei 15%.

87% erfüllten die Kriterien einer depressiven Störung, 74% haben Suizidgedanken gehabt und 42% haben schon einmal versucht sich umzubringen. Drogenabhängigkeiten waren ebenfalls sehr häufig.

https://www.springermedizin.de/posttraumatic-stress-disorder-among-female-street-based-sex-work/9482004?fulltextView=true

  • Die Studie von Melissa Farley in 9 Ländern, die 2008 veröffentlicht wurde und 854 Menschen in der Prostitution interviewte, fand heraus, dass Prostitution multi-traumatisch ist: 70-95% haben in der Prostitution körperliche Gewalt erlebt, 65% bis 95% haben in ihrer Kindheit sexuelle Gewalt erlebt, 60% bis 75% wurden in der Prostitution vergewaltigt, 89% wollten die Prostitution verlassen aber hatten keine andere Option, 88% haben verbale Gewalt in der Prostitution erlebt, 75% waren schon einmal in ihrem Leben Obdachlos und 68% erfüllten Kriterien einer Posttraumatischen Belastungsstörung, dessen Ausprägung vergleichbar mit Kriegsveteranen oder Folteropfer ist.

https://prostitutionresearch.com/prostitution-trafficking-in-nine-countries-an-update-on-violence-and-post-traumatic-stress-disorder/

  • Sybille Zumbeck untersuchte 2001 die Prävalenz traumatischer Erfahrungen und Posttraumatischer Belastungsstörungen bei Prostituierten in Hamburg[4]. Sie fand heraus, dass 60% der Frauen eine voll ausgeprägte Posttraumatische Belastungsstörung hatten. 65% der Frauen körperliche Gewalt in der Kindheit erlebt hatten und 50% der Frauen waren Opfer sexueller Gewalt in der Kindheit.

 

  • Die Studie von Schröttle & Müller, die vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend 2004 in Auftrag gegeben wurde,[5] wies nach, dass 87% (der 110 interviewten) Frauen in der Prostitution körperlicher Gewalt ausgesetzt sind, 82% emotionaler Gewalt, 92% sexueller Belästigung, 59% sexueller Gewalt. 73% hatten körperliche und 43% sexuelle Gewalt in der Kindheit erlebt.

Allein diese Zahlen machen es schwer von einem Job wie jedem anderen zu sprechen. Diese Forschungsarbeit ist bereits vor mehr als 10 Jahren ausgeführt worden und die Dinge haben sich seitdem signifikant verschlechtert. Gewalt ist ein Bestandteil der Prostitution.

  • Die Studie von Roberto Valera, Robin Sawyer und Glenn Schiraldi, die im Sommer 2000 in der wissenschaftlichen Zeitschrift American Journal of Health Studieserschien, untersuchte die Gewalt und die PTBS bei Menschen in der Straßenprostitution in Washington. Sie interviewten 140 Individuen und fanden heraus, dass 44% in ihrer Kindheit sexuelle Gewalt erlebt hatten, 66% sind oder waren Obdachlos, 61% gaben an, körperliche Gewalt in der Prostitution erlebt zu haben, 80% waren in der Prostitution mit einer Waffe bedroht worden, 50% gaben an, in der Prostitution vergewaltigt worden zu sein. 42% erfüllten die Kriterien einer PTBS nach DSM-IV.

Link: http://www.ncdsv.org/images/V_PTSD_street_prostitutes1.pdf

Ein Bericht des Heidelberger Gynäkologen Wolfgang Heide[6] im Jahr 2016 stellt fest, dass die Gesundheit der Frauen in der Prostitution verheerend ist: Mit 30 sind die Frauen schon vorgealtert, was ein Symptom von extremen und ständigem Stress ist. Alle Frauen leiden unter permanenten Bauchschmerzen, Gastritis und ständigen Infektionen durch die ungesunden Lebensverhältnisse. Nur durch Alkohol, Drogen und Medikamente können sie die emotionalen und seelischen Traumatisierungen ertragen. Weiter führt er aus, dass es eine wachsende Nachfrage an schwangeren Frauen in der Prostitution gibt. Diese Frauen müssen 15 bis 40 Männer am Tag „bedienen“ bis zur Geburt ihres Kindes. Oft geben sie ihr Neugeborenes auf, um möglichst schnell wieder arbeiten zu können, manchmal schon drei Tage nach der Geburt. Diese rücksichtslose Praxis gegenüber der Gesundheit von Mutter und neugeborenem Kind kann zu bleibenden Schäden führen. Lutz Besser[7], Doktor der Medizin und Psychotrauma-Therapeut, berichtet von einer Praxis Frauen zu schwängern, nur um sie Sexkäufern anzubieten und sie dann späten Abtreibungen im Ausland unterziehen zu lassen. Wenn sie das Kind zu Welt bringen, verlassen sie es oft bereits im Krankenhaus, um so schnell wie möglich wieder schwanger zu werden.

Es ist absurd über reproduktive Rechte von Frauen in der Prostitution zu sprechen, denn es geht hier nur um das Recht des Sexkäufers, um seine Rechte ohne Einschränkungen zu garantieren.

Auch das Lesen des kürzlich erschienenen Berichts der Frauenärztin Liane Bissinger[8] über die körperlichen Schäden der Prostitution ist schwierig zu ertragen. Sie berichtet von zerstörter Darmflora, Zahn-Mund-Kiefer-Erkrankungen, Hautekzeme, überall Schmerzen und häufig Schmerzen in den Hüftgelenken (durch stundenlanges Ertragenderschweren Gewichte der Freier über ihnen mit den gewalttätigen Stößen), irreversible Beckenboden-Schwächen mit Schwierigkeiten den Urin bzw. den Stuhlgang zu halten, etc.

Angesichts dieser extremen Gewalt und schweren Menschenrechtsverletzungen, die in der Prostitution stattfindet, muss man sich ernsthaft fragen, warum damit noch argumentiert wird, dass sich die Gewalt durch ein Sexkaufverbot erhöhen würde. Prostitution ist ein System der Gewalt!

So wie es ein Menschenrecht gibt im Frieden zu leben, sollte es ein universelles Menschenrecht geben, nicht prostituiert zu werden und sich nicht prostituieren zu müssen.

Zu allen Zeiten wurde versucht die weibliche Sexualität zu domestizieren, zu kontrollieren und zu diktieren. Prostitution ist ein solches Diktat! Es ist ein Fehler, Prostitution als sexuelle Freiheit zu betrachten. Tatsache ist, dass es hier nur um die Freiheit der männlichen Sexualität geht. Und das ist das Problem! Wir müssen unsere Aufmerksamkeit auf den Sexkäufer richten, der nie in Frage gestellt wurde. Der Sexkäufer ist ein soziales Konstrukt,[9] das aus einer ungleichen Geschlechtererziehung resultiert. Wenn wir uns mit Prostitution auseinandersetzen, ist es wichtig uns zu fragen, in welcher Gesellschaft wir eigentlich leben wollen. Wir brauchen eine neue Generation Männer, die nicht auf Prostitution und auf das Beherrschen von Frauen zurückgreift, um sich selbst zu definieren. Ebenso ist es falsch zu denken, dass männliche Sexualität nicht kontrollierbar wäre. Die Legalisierung und Normalisierung der Prostitution zementiert die Ungleichheit zwischen Mann und Frau und kommt  einer Kapitulation gegenüber der Gewalt gegen Frauen gleich.

Aus all diesen Gründen brauchen wir die Einführung des Nordischen Modells. Ein Modell, dass den Sexkauf verbietet, Frauen in der Prostitution entkriminalisiert und ihnen Alternativen bietet zum Ausstieg aus der Prostitution anbietet, ihnen den Zugang zum öffentlichen Gesundheitssystem ermöglicht sowie Maßnahmen zur Prävention umsetzt.

Dr. Ingeborg Kraus

dr.ingeborg.kraus@me.com

http://www.trauma-and-prostitution.eu

„Trauma & Prostitution“ ist ein Netzwerk von WissenschaftlerInnen im Fachgebiet Medizin, Psychologie und Psychotraumatologie, die über die Realitäten in der Prostitution, ihre gesundheitlichen Schäden und gesellschaftlichen Auswirkungen aufklärt. Gegründet wurde es von Dr. Ingeborg Kraus im Jahr 2014 und zählt heute fast 200 Mitglieder. Die Seite wird in 5 Sprachen betrieben und erfährt mittlerweile ein internationales Renommee.

[1]http://www.dgtd.de/

[2]http://www.michaela-huber.com/files/vortraege2014/trauma-und-prostitution-aus-traumatherapeutischer-sicht.pdf

[3]Dre Muriel Salmona: Pour mieux penser la prostitution: quelques outils et quelques chiffres qui peuvent être utiles.Chapitre 3: Violences avant l´entrée en situation prostitutionnelle. http://www.trauma-and-prostitution.eu/fr/2015/01/21/pour-mieux-penser-la-prostitution-quelques-outils-et-quelques-chiffres-qui-peuvent-etre-utiles/

[4]Zumbeck, Sibylle: Die Prävalenz traumatischer Erfahrungen, Posttraumatische Belastungsstörungen und Dissoziation bei Prostituierten, Hamburg, 2001.

[5]Studie von Schröttle & Müller 2004 in:Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend : Gender Datenreport », Kapitel 10: Gewalthandlungen und Gewaltbetroffenheitvon Frauen und Männern, P. 651-652, 2004.

[6]Dr. Wolfgang Heide: Stellungnahme zur öffentlichen Anhörung zur 
„Regulierung des Prostitutionsgewerbes“ im Ausschuss für Familie, Senioren, Frauen und Gesundheit im Deutschen Bundestagam 06. Juni 2016. http://www.trauma-and-prostitution.eu/2016/06/05/stellungnahme-von-wolfgang-heide-facharzt-fuer-gynaekologie-und-geburtshilfe/

[7]Dr. Lutz Besser: Stellungnahme zur Anhörung zum Entwurf eines Gesetzes zur Regelung des Prostitutionsgewerbes sowie zu Schutz von in der Prostitution tätigen Personen. 04.06.2016. http://www.trauma-and-prostitution.eu/2016/06/04/lutz-besser-stellungnahme-zum-prostituiertenschutzg/

[8]Liane Bissinger: Körperliche Schäden der Prostitution – Bericht einer Frauenärztin aus der offenen Arbeit. Auf Abolition 2014, November 2019. https://abolition2014.blogspot.com/2019/11/korperliche-schaden-der-prostitution.html?

[9]Udo Gerheim: Die Produktion des Freiers, 2012, Transcript, P. 7.